Akkerman: Geschichte erleben

Akkerman: Geschichte erleben

Ukraine Reisetipp: Bilhorod-Dnistrowskyi und die Festung Akkerman.

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Die Festung Akkerman muss man gesehen haben

Die Festung Akkerman gehört zu denjenigen Sehenswürdigkeiten, die sich kein Besucher der südukrainischen Metropole Odessa entgehen lassen sollte. Die Perle am Schwarzen Meer hat viel zu bieten – wer noch mehr will, schwingt sich in Bus oder Mietwagen und erkundet das Umland. Die Reise führt entlang der malerischen Küste, passiert das Weinanbaugebiet Schabo und endet nach rund 90 Minuten Fahrzeit in Bilhorod-Dnistrowskyi und eben dem geschichtsträchtigen Gemäuer, über das wir in diesem Beitrag berichten wollen.

Akkerman und Bilhorod-Dnistrowsky

Odessa, da denken viele an Zarin Katherina die Große, die auf den Ruinen der türkischen Festung Chadschibej die Hafenstadt Odessa errichten ließ. Doch schon lange vor den Türken, lebten im Süden der heutigen Ukraine eine Vielzahl von Völkern, die Land und Leute prägten. Das gilt auch für die fruchtbare Gegend des Dnister-Liman, wo bereits im sechsten Jahrhundert v. Chr. an der Stelle der heutigen Stadt Bilhorod-Dnistrowskyi die Kolonie Tyras der ionischen Stadt Miles gegründet wurde. In deren Umgebung siedelten gotische und damische Stämme sowie Skythen und Sarmaten.

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Geschichte zum Anfassen – Foto: GNU

Die Geschichte vom Gold der Skythen kann bei Interesse in diesem Artikel nachgelesen werden. Das Siedlungsgebiet wurde im Jahr 105 durch Trajan erobert, die Stadt in einen Stützpunkt der römischen Flotte umgewandelt. Geschützt gelegen und durch den Liman mit dem Schwarzen Meer verbunden, konnten die Römer derart einen beachtlichen Teil der Gegend beherrschen. Münzfunde belegen, dass der Ort damals ein Freihafen war. Die Römer gaben das Gebiet allerdings später im Zuge des Niedergangs ihres Reiches auf. Die Völkerwanderung gab der Stadt den Rest, sie verfiel zusehends.

Von Cetatea Alba und Akkerman

Das änderte sich erst wieder im 14. Jahrhundert, als moldauische Fürsten eine Festung anlegten, die sie Cetatea Alba (Weiße Festung) nannten. Die Zeiten waren jedoch unruhig, und das starke Bollwerk den Türken ein Ärgernis. Nach einer Belagerung im Jahr 1484 fiel es ihnen in die Hände und wurde in Akkerman umbenannt. Obgleich anscheinend gänzlich verschieden, hatte sich am Namen nichts verändert: Akkerman bedeutet in der türkischen Sprache ebenfalls weiße Festung. Die türkische Garnison wurde in den Folgejahren permanent von Kosaken heimgesucht, konnte sich gegen diese jedoch erfolgreich zur Wehr setzen.

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Impressionen am Wegesrand – Foto: UAN

Herzog Armand de Richelieu aus Odessa hatte jedoch ein Auge auf die Festung geworfen und nahm diese am 1. Dezember 1806 ein. Das Gerangel um Bollwerk, Hafen und fruchtbaren Boden muss furchtbar gewesen sein, immerhin ist bekannt, dass nach Abzug der Türken Akkerman gerade noch 2.000 Einwohner hatte. Das Umland soll laut historischen Quellen geradezu entvölkert gewesen sein. Um den Landstrich, auch als Bessarabien bezeichnet, wieder zu besiedeln, wurden deutsche Siedler mit Steuervergünstigungen ins Land geholt. Zudem wurden in dem Dorf Schabo Winzer aus der Schweiz heimisch.

Das Weinanbaugebiet Schabo

Der Franzose Christophe Lacarin baut in eben diesem Schabo heute wieder Wein an. Schwarzerde in Kombination mit Sand und idealen klimatischen Bedingungen haben die Gegend heute zu einem der bekanntesten Weinanbaugebiete in der Südukraine werden lassen. Die Geschichte von Lacarin kann in diesem Artikel nachgelesen werden. Rund 100 Jahre herrschte Ruhe in Bilhorod-Dnistrowskyi und Umland, was sich jedoch im März 1918 schlagartig änderte: Die rumänische Armee marschierte in Bessarabien ein und schloss das Land an den rumänsichen Staat an. Aus Akkerman wurde wieder Cetatea Alba.

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Schabo ist landesweit bekannt – Foto: UAN

Doch auch diese Veränderung währte nicht lange: Als Folge des Hitler-Stalin-Paktes besetzte die Rote Armee Bessarabien und gliederte es in die Sowjetunion ein. Rumänien gelang zwar kurzzeitig die Rückeroberung, doch 1944 war klar, dass der südlichen Teil Bessarabiens der ukrainischen Sowjetrepublik zugeschlagen werden wird. Der Zerfall der Sowjetunion brauchte dann die bislang letzte Veränderung: Bilhorod-Dnistrowskyi und die Gegend um den Dnister-Liman gehört seitdem zu der Ukraine und die Festung heisst so, wie sie Besucher von Odessa kennen: Akkerman.

Akkerman im Wandel der Zeit

Die Festung selbst gehört heute zu den beliebtesten Nahausflugszielen im Umland der ukrainischen Hafenstadt. Die Anreise kann per Bus oder Auto erfolgen, wobei erwähnt werden sollte, dass der Zustand der Straßen für ungeübte Fahrer durchaus anstrengend sein kann. Nimmt man die Fahrt trotzdem auf sich, wird die Mühe durch einzigartige Impressionen von Landwirtschaft und Schwarzmeerküste belohnt. Am Ziel angekommen, türmt sich das Bollwerk wie ein Gebirge über dem Ufer des Dnister auf. Der Zahn der Zeit hat an der Festung genagt, und doch, sie wirkt noch heute imposant.

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Akkerman, für die Ewigkeit gebaut – Foto: GNU

Die Mauern sind rund zwei Kilometer lang, die Gräben bis zu 14 Meter tief und auf einer Fläche von neun Hektar sind noch 26 der einst 34 Wehrtürme zu sehen. Eine Grabungsstelle vor dem Haupttor zeigt Fundamente des antiken Tira. Die Ausgrabungen finden übrigens noch heute statt und fördern immer mehr Geschichte ans Tageslicht. Wer die Festung durch das Haupttor betritt, trifft auf ein altes Minarett, das auf den Mauern einer Kirche errichtet und später als Leuchtturm verwendet wurde. Einer der Wehrtürme wird als „Puschkin-Turm“ bezeichnet, da der Poet hier einst seinen früheren Fechtlehrer traf.

Ein Bollwerk für die Ewigkeit

Die Einzigartigkeit der Festung erschließt sich besonders denjenigen, die das Bauwerk verlassen und auf schmalen Wegen zu dem Wasser des Lima hinabsteigen. Dort am Ufer sitzend, offenbart sich die ganze Kraft der Anlage, die zwar über Jahrhunderte mehrfach den Besitzer wechselte, doch Menschen stets Schutz und Zuflucht gewehrte. Wer mag, kann sich sogar in die Fluten des Liman stürzen, das Wasser ist warm und sauber. Hobby-Fotografen sollten das ohnehin tun, denn nur so kann die Wehranlage perfekt für die Ewigkeit festgehalten werden. „Ewigkeit“, ein Begriff, der zu Akkerman passt: für die Ewigkeit gebaut.

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