Als Freiwilliger in die Hafenstadt Odessa

Als Freiwilliger in die Hafenstadt Odessa

Der Deutsche Jakob Jaberg arbeitet freiwillig in Odessa, Ukraine - Interview.

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Als Freiwilliger in Odessa - ein Interview

Der Freiwilligendienst lockt immer mehr Leute an, die bereit sind, umsonst oder für wenig Geld ihre Hilfe anzubieten. Es gibt auch einige, die für eine Weile ihren Wohnsitz nach Odessa wechseln. Wie zum Beispiel der 20-jährige Jakob Jaberg aus Deutschland, der seinen Freiwilligen Dienst  für „kulturweit“  in Odessa leistet. Im Gespräch mit „Ukraine-Nachrichten” berichtet er von seiner Entscheidung für den Schritt ins Ausland, vom Alltag in der Ukraine, seiner Tätigkeit und seinen Zukunftsträumen.

Wodurch sind Sie auf die Idee eines Freiwilligendienstes im Ausland gekommen?

Mein Interesse zu reisen, andere Länder und Kulturen kennen zu lernen war schon immer sehr groß. Dann habe ich im Internet nach einem spannenden Projekt gesucht und nach einer Organisation, die mir meine Reise finanziert. Auf “kulturweit” bin ich über Google gekommen. Dass ich dann in der Ukraine gelandet bin, war reiner Zufall. In der Online-Bewerbung habe ich angegeben, dass ich gerne nach Südamerika, Afrika oder Asien möchte. Was für ein Glück ich mit Odessa hatte, konnte ich nicht ahnen.

Haben Sie sich schon vor Ihrem Freiwilligendienst sozial engagiert?

Ja. Bevor ich im Frühjahr 2016 nach Odessa gekommen bin, war ich schon in Griechenland als Freiwilliger in der “People Street Kitchen” auf der Insel Chios tätig. Dort habe ich in der Küche geholfen und Musik in Flüchtlingscamps gemacht.

Welche Erwartungen und Vorurteile hatten Sie, als Sie zum ersten Mal ins Flugzeug in die Ukraine gestiegen sind? Was waren Ihre ersten Eindrücke vom Land?

Die Menschen in Deutschland wissen viel zu wenig über die Ukraine. So ging es mir auch. Man bekommt nur mit, was in den Medien berichtet wird. Was man über die Ukraine weiß, ist die Anneхion der Halbinsel Krim, der Krieg im Osten, die Stadt Kiew und das Unglück in Tschernobyl.

Der erste Eindruck von Odessa war großartig und hat sich auch nicht wesentlich verändert, nur dass ich mich nach diesem Jahr hier sehr heimisch fühle. Ich kenne fast keine Stadt in Deutschland, die so schön ist. Das Schwarze Meer, die wunderschöne Innenstadt, das internationale Flair, die offenen Menschen, die sprudelnden Springbrunnen im Sommer, die Alleen mit ihren blühenden Akazien.

Was war die größte Herausforderung?

Die sprachliche Barriere. Als ich hier angekommen bin, konnte ich höchstens eine handvoll Wörter russisch. Das ist kein schönes Gefühl, so abhängig von der Sprache im Alltag zu sein. Ich kam mir unglaublich dumm vor. Die nächste Herausforderung war es, die Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Ich war sehr oft im Migrationsbüro und dann hieß es: dort fehlt noch eine Unterschrift, hier fehlt ein blauer Stempel, dieses Dokument muss noch übersetzt werden, dieses Formular muss noch ausgefüllt werden. Das war ein großer Stress, das innerhalb der Frist hinzubekommen.

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Jakob Jaberg bei der Arbeit in der Ukraine

Etwa 30 Tage hat man dafür nach seiner Ankunft Zeit. Nachdem alle Unterlagen vollständig sind, muss man sich noch im Einwohnermeldeamt mit einer offiziellen Adresse registrieren. Da ich meine Wohnung nicht angeben konnte, war es schwer jemanden zu finden, der einen offiziell bei sich wohnen lässt, wenn man noch ganz fremd in der Stadt ist. Ein Glück war die Dame im Büro – sehr nett und entgegenkommend, auch wenn sie nur russisch konnte und ich dagegen nur “Hallo” und “Danke“ sagen konnte. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass wir uns in Anbetracht der Umstände gut verstanden haben. Natürlich haben mir auch sehr viele Leute geholfen.

Was sind Ihre  Aufgaben als Freiwilliger?

Ich arbeite in der Schule Nr. 90 mit erweitertem Deutschunterricht als Sprachassistent. Mir macht die Arbeit mit den Kindern großen Spaß. Ich habe ca. 3-4 Schulstunden pro Tag. Manchmal unterrichte ich auch allein in einer Klasse. Besonderes Augenmerk wird auf die Vorbereitung der DSD 2- Prüfung (Sprachniveau B2/C1) gelegt. So gibt es eine Sommerschule, die explizit die DSD-Kandidaten auf die Prüfung vorbereitet. Dort habe ich einen Rap- und Theaterworkshop gemacht, was wirklich spannend war. Ansonsten ist es sehr erfrischend mit den Schülern zu arbeiten, die in vielen Punkten schon viel mehr wissen als man selbst. Es ist ein gegenseitiges Lernen.

Welche für Sie besonders wichtigen Erfahrungen haben Sie bisher in Odessa gemacht? Was werden Sie wohl von Ihrem Freiwilligendienst mitnehmen?   

Man lernt sich in einem fremden Land zurechtzufinden. Dadurch bin ich viel selbständiger und selbstsicherer geworden. Ich konnte auch erste Berufserfahrungen sammeln und ziehe jetzt den Lehrerberuf in Betracht. Nach 13 Jahren Schule dachte ich: „nie wieder Schule“. Jetzt hat sich meine Meinung geändert. Die Erfahrungen, die ich in diesem Jahr gemacht habe, sind so vielschichtig, dass ich sie unmöglich in ein paar Worten zusammenfassen kann.

Odessa ist eine Stadt, die niemals schläft. Jeden Abend gibt es Jamsessions, bei denen man mit interessanten Menschen Musik machen kann. Es gibt so viele unvergessliche Momente. Der Sonnenaufgang über dem Meer ist ein Anblick, den ich nie mehr vergessen werde. Odessa wird für immer ein Stück Heimat bleiben.

Gibt es andere deutsche Freiwillige in der Ukraine?

Davon gibt es eine Menge. Von unterschiedlichen Organisationen. Ich habe mit zwei anderen Freiwilligen von Odessa zusammengelebt. Sie arbeiten in einem Kinderheim und sind von der Organisation ASF (Aktion Sühnezeichen Friedensdienste). Bei meiner Ankunft im Frühling 2016 gab es 8 andere kulturweit-Freiwillige in der Ukraine. Etwa die Hälfte ist nur 6 Monate geblieben und dafür sind schon wieder neue Gesichter gekommen. Auch für mich kommt im März Angelika Frank, die meine Arbeit in der Schule übernehmen wird. Es ist ein kleines Netzwerk. Man teilt ähnliche Erfahrungen, lernt sich bei den Seminaren näher kennen.

Haben Sie schon eine Idee, was Sie nach dem FSJ machen wollen?

Ich habe nicht nur eine Idee. Bald ist mein Freiwilligendienst zu Ende und im März werde ich mich für ein Schulmusikstudium für das Wintersemester bewerben. Auf die Eignungsprüfung werde ich mich vorbereiten müssen. Viele schöne Städte liegen noch vor mir. Von der Schwarzmeerperle geht es nach Wien. Nach dem Abschlussseminar in Berlin werde ich nach Hause kommen. Dort mache ich erst einmal Straßenmusik, verdiene ein bisschen Geld, sodass ich schon bald wieder in die Ukraine zurückkommen kann.

Das Interview wurde von Karina Beigelzimer durchgeführt.

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