„Boryspil“ hat alles richtig gemacht“

„Boryspil“ hat alles richtig gemacht“

Ukraine-Nachrichten im Gespräch mit Günther Nieschlag von Austrian Airlines.

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Ukraine Nachrichten Ryanair Boryspil
Interview mit Günther Nieschlag

Fluggesellschaften entdecken die Ukraine verstärkt als lukrativen Markt. Einfach ist der Einstieg in dem osteuropäischen Land aber nicht. Wirtschaftliche und politische Interessen, ausbleibende Investitionen und eine Infrastruktur, die nur in Ausnahmefällen westeuropäischen Standards entspricht, stellen Herausforderungen dar. Ukraine-Nachrichten.com konnte sich mit Günther Nieschlag, dem ehemaligen Landesleiter von Austrian Airlines in der Ukraine, zu den Themen unterhalten. Und auch zu Ryanair hatte Nieschlag so einiges zu sagen.

Günther Nieschlag kam bereits im 1994 in die Ukraine und hat das Land in den Folgejahren bei seinem wirtschaftlichen Aufschwung begleitet. Die Austrian Airlines war damals nur in der Hauptstadt Kiew vertreten. Der Manager aus Österreich wurde aber recht schnell mit der Aufgabe betreut, den Flughafen von Odessa für seine Fluggesellschaft zu gewinnen. „Der wilde Osten“, bemerkte der ehemalige Austrian Airlines-Chef schmunzeln und ergänzte, dass es allen Unkenrufen zum Trotz halb so schlimm gewesen wäre.

Luftverkehrsabkommen gab Sicherheit

Die Ukraine und Österreich hatten im Vorwege ein Luftverkehrsabkommen (LVA) abgeschlossen, wodurch das Projekt in der Südukraine zumindest ein Mindestmaß an Unterstützung aus Kiew erhielt. Locker von der Hand es aber wohl trotzdem nicht, so gab es in den ersten Monaten weder Büro noch WC. Handwerker aus der Heimat mussten eingeflogen werden, um beides zu errichten. Zudem hätten die ukrainischen Behörden versucht, die lokale Fluggesellschaft „Avia Linie“ zu schützen, obwohl diese aufgrund fehlender technischer Ausstattung überhaupt nicht nach Österreich hätte fliegen können.

Dem Luftverkehrsabkommen sei es verdanken gewesen, dass Verantwortliche in der Hafenstadt schließlich nachgaben und den Weg für die Austrian Airlines freimachten. Die Rollbahn kenne er gut, praktisch jedes Loch in der Decke. Diese sei in den letzten Jahren nur minimal repariert worden, der allgemeine Zustand ist immer noch unbefriedigend. Das hätte nicht sein müssen, gab es doch laut Nieschlag bereits vor Jahren einen kompletten Finanzierungsplan für Rollfeld und Terminal. Umgesetzt wurde er nie, da sich die Banken in Österreich mit den Verantwortlichen in Odessa nicht über die Mittelverwendung einigen konnten.

Ukraine Nachrichten Günter Nieschlag
Günther Nieschlag, Ex-Landesleiter von Austrian Airlines

Viele Jahre hat Nieschlag in Odessa gearbeitet und kennt den Flughafen sprichwörtlich wie seine Westentasche. Den neuen Terminal betrachtet er mit gemischten Gefühlen. Bereits im Frühjahr 2017 in aller Eile eröffnet, konnten in dem schmucken Bauwerk bis vor wenigen Tagen nur ankommenden Inlandsflüge bearbeitet werden. Das hatte gute Gründe, gab es doch weder Zollbehörde noch Sicherheitsbeamte in dem Gebäude. Warum der Terminal dennoch bereits kurz vor dem Eurovision für Gäste geöffnet wurde, ist offiziell nicht bekannt. Gerüchte wollen von einem Anruf aus Kiew wissen.

Auch technisch kann der neue Terminal laut Nieschlag zurzeit kaum internationale Flüge bedienen. Die Infrastruktur sei unzureichend. „Es kann nicht angehen, dass im Zeitalter der Digitaliseung ein Mann gesucht werden muss, der die Tür zum Vorfeld aufsperrt“, erklärte Nieschlag. Zudem werden Gepäck und Fracht in Odessa manuell verladen. Luftfracht-Container (ULD) können nicht betreut werden, womit große und moderne Maschinen den Flughafen ohnehin nicht anfliegen können. Auch ist der Zustand der Runway für schwere Flugzeuge nur bedingt geeignet.

Ryanair und überzogene Forderungen

Ryanair und die Ukraine – für viele Monate ein heftig diskutiertes Thema in dem osteuropäischen Land. Trotz Ankündigung des irischen Billigfliegers wurde nichts aus den preiswerten Flügen. Der Kiewer Flughafen Boryspi wollte sich nicht auf den Handel einlassen. Einzelheiten zu dem Thema können in diesem Artikel nachlesen werden. Die Liste der Forderungen von Ryanair findet sich dort ebenfalls. Günther Nieschlag steht hinter der Entscheidung der Kiewer Kollegen: „Die Ukraine hat die richtige Entscheidung getroffen. Die Forderungen von Ryanair waren maßlos überzogen.“

Neu sei das Geschäftsgebaren der Iren jedoch nicht. Nieschlag erklärte weiter: „Das hatte Ryanair auch in Wien versucht, was strikt abgelehnt wurde. Der Billigflieger musste dann auf Bratislava ausweichen. Die Ukraine hatte den kleinen Flughafen Kiew-Schuljany angeboten, Ryanair wollte aber unbedingt Boryspil. Auch die Forderung nach einem kostenlosen Grundstück zwecks Errichtung eines Hotels hat einen Geschmack.“ So gesehen sei es gut, dass die Ukrainer nicht nachgegeben hätten. Im Laufe der kommenden Wochen und Monaten würden vermutlich ohnehin weitere Fluggesellschaften die Ukraine als lohnenswerten Markt entdecken.

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