Das Schiff, das wirklich keiner wollte

Das Schiff, das wirklich keiner wollte

Die Yacht von Leonid Breschnew als Wrack im Hafen von Odessa, Ukraine.

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Ukraine Nachrichten Leonid Breschnew Yacht Sturmvogel
Das traurige Schicksal der Sturmvogel

Im Hafen von Odessa sank vor Jahren ein Schiff, das keiner wollte. Einst eine herrliche Yacht, wurde die „Sturmvogel“ (Russisch: буревестник) von den Ereignissen der Geschichte überrollt und verwand eines Tages in den Fluten. Das Schiff erlangte durch den Besuch des deutschen Kanzlers Willy Brandt im Jahr 1967 weltweite Berühmtheit, wurde der deutsche Politiker doch von UDSSR-Chef Leonid Breschnew höchstpersönlich zu einer Spazierfahrt auf dem Schwarzen Meer eingeladen. An Bord wurde geplaudert, gelacht, Politik gemacht und derart ein klein bisschen am Weltfrieden gearbeitet.

Das traurige Schicksal der Sturmvogel

Mit Schiffen allerdings ist das so eine Sache: Meint es die Geschichte mit den Eigentümern gut, ist ihnen ein langes Leben gegönnt. Einige werden sogar über Jahrhunderte konserviert und derart für die Nachwelt erhalten. Die Siegerin von Trafalgar, die HMS Victory, ist ein solches Exemplar. Sollte sich das Glück aber auf die andere Seite schlagen, dann kann es schon mal passieren, dass einzigartige Schiffe auf dem Abstellgleis der Geschichte laden. Bekannte Beispiele dafür sind die Carin II von Hermann Göring und die Galeb, einst Staatsyacht von Josip Tito.

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Leonid Breschnew an Bord der Sturmvogel

Im Hafen von Odessa laufen derzeit Vorbereitungen das Wrack eines Schiffes zu heben, das sich nahtlos in diese Reihe trauriger Schicksale einreiht. Die „Sturmvogel“, angeblich die Lieblingsyacht von UDSSR-Staatschef Leonid Breschnew, und Schwesterschiff der „Strela“ wurde Mitte der 1950er Jahre für die Spitzenfunktionäre der Sowjetunion für Spazierfahrten auf dem Schwarzen Meer entworfen. Die Sturmvogel wurde im Jahr 1961 fertiggestellt und in den Folgejahren intensiv zu Ausflügen in der Nähe der Halbinsel Krim eingesetzt. Rumpf und Aufbauten bestanden komplett aus Holz, wobei überwiegend Eiche, Pinie und Teak zum Einsatz kamen.

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Foto aus glücklichen Tagen – Halbinsel Krim

Unter Deck befanden sich neun Kabinen, allesamt mit Schotten ausgestattet. Das Schiff galt als überaus sicher, da die Schwimmfähigkeit selbst mit drei vollgelaufenen Kabinen gewährleistet war. Behaupteten zumindest die Schiffsbauer. Die Yacht hatte eine Gesamtlänge von 37 Metern, eine Verdrängung von 150 Tonnen und eine 6.600 PS-Diesel-Maschine. Ihre Spitzengeschwindigkeit soll bei 37 Knoten gelegen haben. Zur weiteren Ausstattung gehörte die modernste Rundfunkanlage der Sowjetunion und 220 Volt-Anschlüsse für die Passagiere. Die Besatzung bestand aus 14 Mann, inklusive Schiffsführer.

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Gesunken im Hafen von Odessa

Trotz Willy Brandt und gelegentlichen Spazierfahrten von Leonid Breschnew war der Yacht jedoch kein gutes Schicksal vergönnt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war Geld ein knappes Gut, sodass man den Verkauf des Schiffes anstrebte. Fünf Jahre dauerte es, bis ein Käufer gefunden war: Valerij Ilienkov aus Odessa, Ukraine, kaufte das Schiff. Aufgrund der langen Liegezeit wären einige Reparaturen dringend erforderlich gewesen, doch der neue Eigentümer entschied sich dafür, die Yacht umgehend für Spritztouren entlang der Küste einzusetzen.

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Ein einzigartiges Schiff weniger auf der Welt

Das ukrainische Transportministerium bekam Wind von der Sache und verlangte eine neuerliche Registrierung des Schiffes. Das war wohl zu viel des Guten für Ilienkov, der die Sturmvogel in den Hafen von Odessa bugsierte und dort vertäute. Im Laufe der Jahre wurde das Schiff mehrfach verlegt und dann von Unbekannten komplett ausgeplündert Kurzeitig soll es den Besitzer gewechselt haben, ein hoher Beamte des Sicherheitsdienstes SBU soll die Yacht übernommen haben. Damit hat er sich wohl auch übernommen, da er vor Jahren die Dieselmotoren ausbauen und verkaufen ließ. Im Januar 2016 geschah dann das wohl Unvermeidliche: Die Sturmvogel sank binnen Minuten im Hafenbecken.

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Wracks sind im Hafen von Odessa keine Seltenheit

Drei Monate später wurde das gesunkene Schiff per Kran in den Militärhafen geschleppt und dort dann auf den Grund des Hafenbeckens gelegt. Der Eigentümer war bisher immer noch der Überzeugung, das Schiff eines Tages restaurieren zu können, musste sich aber aber in den letzten Wochen wohl mit dem Ende der Yacht abfinden. Wie ukrainische Medien heute meldeten, soll die Sturmvogel gehoben und verschrottet werden. Ein geschichtsträchtiges Schiff weniger auf der Welt. Ihr Schwesterschiff, die Strela, schwimmt noch und gammelt in einem Hafen in der Südukraine vor sich hin. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch dieses Schiff Geschichte ist.

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