Das Wrack der Junkers Ju-52 bei Odessa

Das Wrack der Junkers Ju-52 bei Odessa

Tauchgang zum Wrack einer Junkers Ju 52 "Tante Ju" in der Bucht von Odessa.

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Ukraine Nachrichten Odessa Wrack Junkers Ju-52

In der Bucht von Odessa liegt etwas, das viele Museen gerne haben würden: das guterhaltene Wrack einer Junkers Ju-52. Das Flugzeug ist im Zweiten Weltkrieg in der Nähe der Hafenstadt abgestürzt. Entgegen ersten Behauptungen kann inzwischen davon ausgegangen werden, dass ein technischer Defekt oder Treibstoffmangel Gründe für den Absturz waren. Unser Freund und Fotograf Andrey Nekrasov war vor Jahren bei den ersten Tauchgängen zu der „Tante Ju“ dabei und weiß daher eine spannende Geschichte zu erzählen. Begleiten Sie uns auf den Grund des Meeresbodens, es lohnt sich.

Tauchgang zur Tante Ju bei Odessa

Eine jede Suche hat ihre ganz eigene Geschichte – und führt manchmal zu überraschenden Entdeckungen. Nachdem wir Unterlagen über den Abschuss einer Ju-88 in den Küstengewässern von Odessa erhalten hatten, begaben wir uns auf die Suche. Die Maschine soll von dem 69. Regiment bei der Schlacht um die Hafenstadt im Zweiten Weltkrieg abgeschossen worden sein. Der Held der Sowjetunion, Vitaliy Timofeyevitch soll den Bomber im wahrsten Sinne des Wortes zu Fall gebracht haben. Konkrete Koordinaten fanden sich allerdings nirgends, „irgendwo in der Nähe des Leuchtturms“ soll die Maschine beschädigt ins Wasser gestürzt sein.

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Bereit zum Tauchgang. Was wird die Männer erwarten? – Foto: A. Nekrasov

Das Ministerium für Unterwasserarchäologie erlaubte uns die Suche nach dem Wrack. Ein guter Start, also begannen wir hoch motiviert den Meeresboden systematisch abzusuchen. Und wirklich, nach einigen Tagen konnten wir die Überreste per Sonar orten. Das ging schnell, und das gesamte Team war sich sicher, die Ju-88 zeitnah in Augenschein nehmen zu können. Ende September war es dann soweit, der erste Tauchgang konnte beginnen. Die Maschine liegt in 23 Meter Tiefe, die Wassertemperatur bei dem Wrack betrug 8 Grad, die Sicht rund 3 Meter. Die Bedingungen waren somit recht gut.

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Erste Fundstücke – erstaunlich gut erhalten – Foto: A. Nekrasov

Ich kann mich noch gut an all die Emotionen erinnern, die durch meinen Kopf tosten, als der erste Taucher ins Wasser stieg. Nach wenigen Minuten tauchte er wieder auf, machte eine lange Pause und sagte dann emotionslos: „Sie liegt auf dem Rücken.“ Nerven hat der Knabe, wir hatten das lang verschollene Wrack gefunden und der kommt mit so einem Satz daher. Etwas mehr Freude hätte er durchaus von sich geben können. Wie meine Tauchgänge zeigen sollten, hätte es erfreulich viel Anlass zu heller Freude gegeben. Doch dazu gleich mehr.

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Intakte Propeller… was Rückschlüsse ermöglicht – Foto: A. Nekrasov

Meine Freunde und ich bereiteten uns in den kommenden Tagen auf eigene Tauchgänge vor, wurden aber durch die Berichte der ersten Taucher immer unruhiger. Irgendetwas schien nicht zu stimmen – mit dem Flugzeug. Nachdem wir alle Informationen zusammengetragen und mit Bauplänen von deutschen Flugzeugen verglichen hatten, war uns klar, dass da unter uns auf dem Meeresgrund keine Ju-88 liegen konnte, sondern eine deutsche Legende, die bekannte „Tante Ju“. Eine richtige Vermutung, da die Identifizierung bei optimalen Sichtverhältnissen unter Wasser dann recht schnell gelang; die drei Triebwerke der Junkers Ju-52 sind halt ziemlich einzigartig.

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Alle persönlichen Gegenstände wurden hier gefunden – Foto: A. Nekrasov

Nun gut, es handelte sich also um ein offenbar hervorragend erhaltenes Wrack einer Ju-52. Das Problem: Es gab (und gibt) keinerlei Aufzeichnungen über den Abschuss einer entsprechenden Maschine in der Nähe von Odessa. Wir nannten das Flugzeug daher scherzhaft „Geisterflieger“ und behielten Details zu dem Fund für uns. Nachdem das Wrack dann durch staatliche Behörden geschützt wurde, gingen wir erstmals an die Presse. Das war am 31. Dezember 2008. Die Reaktion internationaler Medien war enorm, immerhin handelte es sich ja um ein „Nazi-Geisterflugzeug“, dessen Existenz bis dato gänzlich unbekannt war.

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Trommelmagazin eines deutschem Maschinengewehrs – Foto: A. Nekrasov

Das Winter setzte ein, sodass wir erst im Frühjahr 2009 neue Tauchgänge durchführen konnten. Wir waren dann in der Lage, die ersten persönlichen Gegenstände der Besatzung aus der Maschine zu bergen. Wir setzen entsprechende Arbeiten im Sommer fort, um eine endgültige Bestimmung von Flugzeug und Crew durchführen zu können. Keine leichte Aufgabe, da im Innern des Wracks nahezu 1,5 Meter Sand und Sedimente entfernt werden mussten. Zudem ist die Zeit, die ein Taucher schwer arbeitend unter Wasser verbringen kann, durchaus kurz bemessen.

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Hinweise auf die Besatzung – Foto: A. Nekrasov

Doch es hat sich gelohnt: Bis Ende September waren wir in der Lage, vermutlich alle Gegenstände aus den Wrack zu bergen. Diese befinden sich in einem erstaunlich guten Zustand, was dem Schlick zu verdanken ist. Hinzu kommt natürlich der Umstand, dass das Schwarze Meer einen vergleichsweise geringen Salzgehalt aufweist. Alle Gegenstände wurden erfasst und dann den Behörden übergeben. Ende 2009 waren wir mit den Arbeiten fertig und konnten voller Freude verkünden, das Rätsel um das „Geister-Flugzeug“ gelöst zu haben.

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Leder hat die Zeit unter Wasser erstaunlich gut überstanden – Foto: A. Nekrasov

Hinweis der Redaktion: Seit dem Fund der Junkers sind inzwischen einige Jahre vergangen. Das Wrack liegt entgegen ersten Planungen immer noch auf dem Meeresgrund. Nekrasov hat sich in der Zwischenzeit weiter intensiv mit dem Schicksal des Flugzeugs und seiner Besatzung beschäftigt. Die intakten Propeller können als Indiz dafür angesehen werden, dass es sich bei dem Absturz um eine kontrollierte Notlandung bzw. Wasserung gehandelt hat. Die Besatzung hat die Landung offenbar überlebt, wurden doch alle persönlichen Gegenstände in der Nähe der Tür gefunden.

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Junkers Ju 52 und Antonov im Größenvergleich – Foto: GNU

Von dort aus verließen die Männer ihr Flugzeug, erreichten jedoch offenbar die nahe Küste nicht. Warum dass so war, bleibt vermutlich ein Geheimnis der Geschichte. Die Identitäten konnten restlos geklärt werden, auch Kontakt zu den Familien in Deutschland wurde hergestellt. Das Wrack selber befindet sich außer leichten Schäden durch Anker von Fischerbooten in einem hervorragenden Zustand. Sollte ein deutsches Museum Interesse an der Ju-52 haben, kann die Redaktion die notwendigen Kontakte zu den Behörden in Odessa herstellen.

Für alle Leser, die mit einer Ju-52 wenig anfangen können, zeigen wir nun ein Video der Lufthansa „Tante Ju“, die in Deutschland immer noch ihre Runden dreht. Was für eine herrliche Maschine!

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