Der Untergang der Admiral Nachimow

Der Untergang der Admiral Nachimow

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Ukraine Nachrichten Admiral Nachimow
Der Untergang der Admiral Nachimow

Die Admiral Nachimow kollidierte am 31. August 1986 vor Noworossijsk im Schwarzen Meer mit einem Frachtschiff und versank binnen weniger Minuten. 423 der 1234 Personen an Bord des ehemals deutschen Passagierschiffes fanden in dem Meer den Tod, das an Sommerabenden eher flüssigem Metall denn Wasser gleicht.

Die Hinterbliebenen in der Ukraine gedenken jedes Jahr ihren Angehörigen und fahren mit Schiffen zu der Unglücksstelle. In diesem Jahr war kein Geld in der Kasse der ukrainischen Regierung, die traditionelle Gedenkfeier musste ausfallen. Die Moskauer Deutsche Zeitung brachte am 9. September 2008 einen ausführlichen Artikel zu dem Thema, der nun ungekürzt wiedergegeben werden soll.

Der Untergang der Admiral Nachimow

Zwei Schiffe fahren über eine Stunde aufeinander zu. Sie wissen, dass sie sich auf Kollisionskurs befinden, sie halten Funkkontakt, sie sehen sich. Trotzdem stoßen der Kreuzfahrtdampfer „Admiral Nachimow“ und der Frachter „Pjotr Wassew“ am 31. August 1986 im Schwarzen Meer zusammen. 423 Menschen sterben. Es ist die schwerste Schiffskatastrophe der Sowjetunion.

Die „Nachimow“, einst in Deutschland vom Stapel gelaufen und im Zweiten Weltkrieg schon einmal gesunken, wird nie gehoben. Sie liegt noch immer in 43 Metern Tiefe auf dem Grund, nur vier Kilometer von der Küste bei Noworossijsk entfernt. Bis heute treffen sich am Jahrestag der Tragödie Überlebende und Angehörige der Opfer in der russischen Hafenstadt. Auch in Odessa und vielen anderen Städten der Ukraine gedenken die Menschen den Geschehnissen vor dreißig Jahren.

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Die Admiral Nachimow im Hafen von Odessa

Wenn die Zeit wirklich alle Wunden heilen würde, dann wäre Kalerija Kalinina jetzt nicht hier. Dann würde sie sich nicht auf die Reling des Ausflugskutters stützen, einen Blumenstrauß umklammern und sagen: „Die Erinnerung bringt mich noch ins Grab.“ 30 Jahre sind vergangen seit dem Untergang der „Admiral Nachimow“. Ihre Tochter und ihr Enkel wurden damals mit in den Tod gerissen. Der Schmerz hat die alte Dame seitdem nicht mehr losgelassen, „keinen einzigen Tag, keine einzige Minute“.

Kalinina ist aus Luzk, einer ukrainischen Stadt nahe der polnischen Grenze, nach Noworossijsk gekommen. Wie jedes Jahr fährt sie am 31. August mit anderen Betroffenen raus aufs Meer, zur Unglücksstelle. Die 80-Jährige will nicht in Ruhe gelassen werden, sie antwortet bereitwillig auf Fragen und scheint dankbar, wenn ihr jemand zuhört. Vergessen kann sie ohnehin nicht. Als das Boot mit den Trauernden den Ort erreicht, wo die letzte Fahrt der „Nachimow“ endete, schaltet es die Motoren ab. Auch die Stimmen an Bord verstummen.

Der Stolz der sowjetischen Passagierflotte

Die „Admiral Nachimow“ war der Stolz der sowjetischen Passagierflotte, 174 Meter lang und 21 Meter breit. 1925 vom Norddeutschen Lloyd unter dem Namen Berlin in Dienst gestellt und auf dem Nordatlantik für Kreuzfahrten eingesetzt, sank das Schiff 1945 vor Swinemünde. In der DDR bis 1957 repariert, wurde das Schiff in Admiral Nachimov bekannt und im Schwarzen Meer als Passagierschiff eingesetzt. Es verkehrte zwischen Odessa und Batumi.

Zu den Stationen der Reise gehörte auch Noworossijsk. Am 31. August 1986 traf das Schiff gegen 14 Uhr ein. Um 22 Uhr lichtete es die Anker zur Weiterfahrt nach Sotschi. An Bord waren 1 234 Personen. „All die bunten Lichter an Deck, Musik hallte aus den Lautsprechern, die Menschen lachten und feierten“, berichtet Vitalij, ein Einwohner aus Noworossijsk, der das Geschehen vom Ufer aus verfolgte. „Es war ein malerischer Anblick.“

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Die Admiral Nachimow in Jalta, Krim

Wenige Minuten nach dem Auslaufen wurde die „Nachimow“ vom Hafen auf einen Schüttgutfrachter aufmerksam gemacht, der nach Noworossijsk unterwegs war. Beider Kurs würde sich in einiger Entfernung kreuzen. Man verständigte sich per Funk. Der Transportschiff „Pjotr Wassew“ sollte die Geschwindigkeit drosseln und so die „Nachimow“ passieren lassen.

Kapitän Wiktor Tkatschenko bestätigte das Kommando. Wadim Markow, Kapitän der „Nachimow“, überließ das Steuer seinem zweiten Offizier Alexander Tschudnowskij und begab sich unter Deck. Es heißt, die beiden hätten persönliche Konflikte gehabt. Die Untersuchungskommission wird später nahe legen, der Kapitän habe die Gefahr kommen sehen und die Brücke verlassen, um seinen Untergebenen bloßzustellen, der mit dieser Situation überfordert war.

Die Fehlentscheidungen zweier Kapitäne

So verstrichen am Ende kostbare Augenblicke, die klare Entscheidungen verlangt hätten, um Leben zu retten. „Augenblicke, die unseren Liebsten zum Verhängnis wurden“, sagt Luisa Iljuchina. Ihr Sohn ertrank in dieser Nacht. Gegen 23 Uhr setzte die „Nachi­mow“ einen letzten Funkspruch an die „Wassew“ ab. Doch als Tkatschenko befahl, die Maschinen zu stoppen, war es schon zu spät. Um der Kollision auszuweichen, ließ Tschudnowskij im letzten Moment zehn Grad beidrehen und machte damit alles nur noch schlimmer. Danach Funkstille. Bis zuletzt.

Kalininas Tochter Natascha hatte zunächst ihren zehnjährigen Sohn Pawlik zu Bett gebracht. Dann begab sie sich in die Bar. Dort tanzte die 32-Jährige ausgelassen. Sie habe alle Blicke auf sich gezogen, grazil und leichtfüßig, schilderten Überlebende ihrer Mutter. „Es war ihr Schwanentanz“, murmelt die ehemalige Lehrerin. „Meine Tochter war eine leidenschaftliche Tänzerin, sie tanzte wie eine Königin.“ Dann versagt ihre Stimme.

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Hinterbliebene trauern um ihre Angehörigen

Um 23.12 Uhr rammte die „Pjotr Wassew“ mit etwa 5 Knoten (9 km/h) die Steuerbordseite des Passagierschiffes und riss ein 84 Quadratmeter großes Loch in die Außenwand. Es gab einen lauten Knall, Funken wirbelten umher. Die Beleuchtung fiel aus. Das unterste Deck füllte sich sekundenschnell mit Wasser, da sich die einzelnen Sektionen des Rumpfes nicht verschließen ließen. Die „Admiral Nachimow“ sank innerhalb von nur sieben Minuten. 423 Menschen starben. Ihre Überreste sind zum Teil bis heute nicht gefunden.

„Der Sog verschlang die Körper regelrecht“, erzählt Tatjana Schornjak. Sie arbeitete an Bord als Zimmermädchen und überlebte. Wie? Daran hat sie keine Erinnerung. 836 Menschen wurden aus dem Wasser gezogen. An der Rettungsaktion beteiligten sich neben der „Wassew“ auch herbeigeeilte Hilfskräfte aus dem Hafen. Die Bergung dauerte insgesamt 80 Minuten. Zum Glück bewahrten die spätsommerlichen 24 Grad Wassertemperatur die im Meer Treibenden zumindest vor Auskühlung.

836 Menschen überlebten die Katastrophe

„Es war gespenstisch“, erzählt Vitalij, „gerade sahen wir das Schiff noch vor uns, und dann war es verschwunden. Lautlos. Die Lichter waren erloschen. Wir blickten ins dunkle Nichts.“ Wie hatte das passieren können? Um die Ursachen der rätselhaften Katastrophe bei klarem Wetter und ruhiger See ranken sich bis heute zahlreiche Spekulationen. Auch Altersschwäche der „Nachimow“ wurde angenommen. Das Schiff hatte als „Berlin III“ schon 1925 die Bremer Vulkanwerft verlassen und Häfen auf aller Welt angesteuert, bevor es die Nationalsozia­listen für ihr Urlaubs­programm „Kraft durch Freude“ requirierten.

Im Zweiten Weltkrieg diente der Dampfer als Lazarettschiff und lief 1945 vor Swinemünde auf eine Mine. In der DDR wieder flott gemacht, ging er 1957 als Reparationsleistung an die sowjetische „Baltische Reederei“ und wurde zur „Admiral Nachimow“, benannt nach einem Marineoffizier aus dem Krimkrieg. Dass der technische Zustand des Schiffes den schnellen Untergang des Schiffes herbeigeführt haben könnte, wurde von der Untersuchungskommission jedoch verworfen. Die Hauptursache sahen die Ermittler in elementarer Schlamperei. Beide Kapitäne wurden von einem Gericht in Odessa zu 15 Jahren Haft verurteilt, 1992 jedoch amnestiert.

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Das Wrack auf dem Grund des Meeres

In den Medien kamen der Zusammenstoß und seine Folgen zunächst nicht vor. Eine Traueranzeige in der „Prawda“ am 5. September war der erste Hinweis auf das Unglück. Die Einwohner von Noworossijsk leis­teten derweil selbstlos Hilfe. Taxifahrer fuhren Nachtschichten, ohne auf Entlohnung zu pochen. Angehörige der Verstorbenen, die in der Stadt eintrafen, wurden von Familien aufgenommen. Keine einzige Straftat soll es in jenen Tagen gegeben haben. Das gemeinsam empfundene Leid ließ die Menschen zusammenrücken, wie so oft.

Um Überlebende und Hinterbliebene des Unglücks kümmert sich seit 1997 der gemeinnützige Fonds „Nachimowez“. Direktorin Natalija Roschdestwenskaja sorgt unter anderem für therapeutischen Beistand, wenn sich die Betroffenen eine Behandlung selbst nicht leisten können. Und jedes Jahr vom 28. bis zum 31. August veranstaltet sie Gedenktage in Odessa und Noworossijsk. „Ich habe alles daran gesetzt, diese Menschen zusammenzubringen, ihnen Hoffnung zu geben“, sagt Roschdestwenskaja, deren Großmutter 32 Jahre auf der „Admiral Nachimow“ gearbeitet hatte und starb, als sie bei der Katastrophe vom Deck ins Wasser geschleudert wurde.

Gedenktage in Odessa und Noworossijsk

In diesem Jahr finanzierte der Fonds 26 Personen den zweitägigen Aufenthalt in Noworossijsk. „Mehr Geld hatten wir nicht zur Verfügung“, klagt Natalija, „wir geraten immer mehr in Vergessenheit“. Ehemals aktive Sponsoren haben sich mittlerweile zurückgezogen. Die Stadt Noworossijsk gibt sich jedoch weiterhin großzügig. Es sind überwiegend ältere Da­men, einige wenige Männer und Jugendliche, die an Bord des Passagierkutters gegangen sind.

Sie stammen aus allen Regionen der ehemaligen Sowjetunion. Kalerija Kalinina ist eine der Ältesten. Erinnerungen an ihren Enkel wühlen sie jedes Mal auf, wenn sie Kinderstimmen hört. Sie hat sogar ihren Beruf aufgegeben und einen weiteren Enkel nach dem Tod ihrer Tochter selbst großgezogen. Heute ist Maxim 32. Er hat das Technische Institut mit Sehr gut abgeschlossen und haucht seiner Großmutter immer wieder Lebensgeister ein. „Ich bin ein starker Mensch“, sagt sie beinahe triumphal, „aber ohne den Jungen – wer weiß.“

Der Wind frischt auf. Wellen schaukeln den Passagierkutter von einer Seite auf die andere. Beklemmende Stille. Ein Priester zeichnet ein großes Kreuz in die Luft, während er ein kleines in der Hand hält. Dann bittet er die Angehörigen, ihre Kränze und Blumen dem Meer zu übergeben.

Quelle: Moskauer Deutsche Zeitung, 1986

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