Dort, wo Odessa begann

Dort, wo Odessa begann

Dort wo Odessa begann - eine Zeitreise durch die Geschichte der Stadt.

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Ukraine Nachrichten Odessa Moldawanka
Eine Zeitreise zurück zu den Ursprüngen

Asphalt eher Ausnahme denn Regel, Fassaden kaum noch vorhanden – und doch, die Bewohner des Stadtviertels Moldawanka strotzen nur so vor Lebensmut und Gastfreundschaft. Das hat gute Gründe, können sie doch mit Fug und Recht behaupten, die Nachfahren der wahren Gründer der ukrainischen Hafenstadt Odessa zu sein.

„Hier atmet man ganz Europa“, sagte einst der Schriftsteller Alexander Puschkin über die Perle am Schwarzen Meer. Wenig erstaunlich, lebte in der Stadt doch schon immer ein kunterbuntes Völkergemisch.

Wer sind die wahren Gründer von Odessa?

Seit ihrer offiziellen Gründung durch einen Erlass der Zarin Katharina der Großen im Jahr 1794 war die Hafenstadt Anziehungspunkt für Russen, Deutsche, Griechen, Bulgaren, Italiener, Georgier, Armenier, Polen, Albaner, Franzosen und Moldawier.

Auf Letztgenannte wird noch eingegangen werden, denn immerhin waren diese schon lange vor den Stadtplanern aus Österreich, Holland und Spanien vor Ort. „Moldawanka“ und Moldawier, die Ähnlichkeit der Bezeichnungen kommt nicht von ungefähr – ganz im Gegenteil.

Ukraine Nachrichten Odessa 2016
Odessa und Seefahrt, das passt zusammen – Foto: Dumskaya

Deutsche Besucher der Stadt sollten wissen, dass von der Zarin durch Steuererleichterungen angelockte deutsche Kolonisten in großen Anzahl in und um Odessa siedelten und durch Handwerk, Bildungswesen und Architektur ihren Anteil zu Aufbau und Prägung der aufstrebenden Metropole beitrugen.

Bis 1914 lebten etwa 10.000 Deutsche in der Stadt. Die sowjetische Kollektivierung, industrielle Umgestaltung, die gewaltsame Säuberungen in den 1930er Jahren und die Russifizierungspolitik veränderte die Gesellschaft der Odessiten dann jedoch grundlegend.

10.000 Deutsche lebten in der Stadt

Der zweite Weltkrieg brachte eine umfassende Deportation der noch vorhandenen deutschstämmigen Bevölkerung in den Osten der Sowjetunion. In den 1990er Jahren versuchte man die vertriebenen Deutschen vor allem aus Kasachstan und Kirgisien durch den Bau neuer Siedlungen zu einer Rückkehr zu bewegen.

Die deutsche Regierung finanzierte entsprechende Projekte in erheblichen Maße. Allerdings wählten die meisten, so die denn überhaupt ihre Heimat verlassen wollten, gleich Deutschland als Ziel. Nichtsdestotrotz zählt die ukrainische Hafenstadt aktuell rund 1,2 Millionen Einwohner und wird ist in steigendem Maße auch Reiseziel vieler Deutschen.

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Europäisch geprägte Architektur in der Hafenstadt – Foto: Dumskaya

Für eben diese Gäste der Stadt nun eine Empfehlung, die sich nur in wenigen Reiseführern findet: die Moldawanka. Gefahr droht in dem gerufenen Stadtviertel keine – dafür aber Eindrücke des Ortes, an dem Odessa geboren wurden. In der weiten Bucht am Schwarzen Meer lebten nämlich schon lange bevor die Zarin ein Auge auf das Gebiet geworfen hatte, zahlreiche Völker und gingen dort Handel und Ackerbau nach.

In den Erzählungen „Geschichten aus Odessa“ des russischen Schriftstellers Isaac Babel galt das Viertel als Ghetto-ähnliches Gebiet, bewohnt von Schmugglern aus Moldau und jüdischen Kriminellen.

„Geschichten aus Odessa“, von Isaac Babel

Rund 85 Jahre später ist von Schmugglern weit und breit nichts mehr zu sehen, außen der Blick des Besuchers fällt auf ganz bestimmte Verkaufsobjekte auf dem Flohmarkt, der jedes Wochenende direkt auf den Straßen stattfindet. Wendet sich der geschichtlich Interessierte jedoch vom Flohmarkt aus Richtung Busbahnhof und geht durch die schmuddligen Straßen etwa 800 Meter Richtung Hafen, wird er auf einer relativ steil ansteigenden Straße auf der rechten Seite einige Häuser vorfinden, die nur noch vom guten Willen der Bewohner zusammengehalten werden.

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Reste der alten Stadtmauer Odessas – Foto: UAN

Willkommen an dem Ort, an dem Odessa entstand. Fotos mögen die wenigen verbliebenen Bewohner nicht, es sei denn, man fragt höflich. Es ist halt schwierig, gleichzeitig bettelarm und Attraktion zu sein. Verwickelt man die Ur-Odessiten in ein Gespräch, schwingen jedoch Stolz und Begeisterung in der Stimme mit. Die Nachfahren der wahren Gründer der Stadt sei man, wird dem Besucher gesagt und gibt sich dieser freundlich, so wird ihm farbenfroh eine ganz besondere Interpretation der Stadtgründung der ukrainischen Metropole erzählt.

Die türkische Festung Chadschibej, die spätere Gründung durch die russische Zarin an eben der Stelle, an dem die Festung eines Tages geschliffen wurde – alles schön und gut, doch die wahren Stadtgründer waren Schmuggler aus Moldawien. Jede Stadt hat halt ihre Legenden, und in Odessa sind diese noch quicklebendig.

Lesetipp: Die Oper – Schmuckstück der Stadt

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