Ein Fall für Premierminister Groysman

Ein Fall für Premierminister Groysman

Der Winzer Christophe Lacarin über Korruption und Schikanen in der Ukraine.

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Ukraine Nachrichten Christophe Lacarin
Ein französischer Winzer in der Ukraine

Der Winzer Christophe Lacarin stellt in der Ukraine handverlesene Weine her. Dazu hat er Pachtverträge mit einer Laufzeit von 25 Jahren abgeschlossen. Verträge, die nun vielleicht nicht mehr das Papier wert sind, auf dem sich verfasst und ganz offiziell abgestempelt wurden. Seit Jahren als Unternehmer in einem Land lebend, das sich laut Regierung in Kiew seit nunmehr zwei Jahren in Windeseile der Europäischen Union annähert, hat der Franzose daher ganz eigene Eindrücke von angeblichen Reformen und deren Umsetzung in der Ukraine sammeln müssen. Auch zu dem Thema Investitionsschutz hat der Winzer jede Menge mitzuteilen.

Der Herausgeber der Ukraine-Nachrichten, Boris Raczynski, hat Lacarin auf seinem Weingut in Schabo unweit der Hafenstadt Odessa besucht. Nach Stunden voller interessanter Gespräche kamen beide Herren, die zusammen 30 Jahre Ukraine-Erfahrung in die Waagschale werfen können, zu einem wenig erbaulichen Ergebnis: Für ausländische Investoren hat sich in dem Land nichts geändert. Überhaupt nichts. Unternehmerische Aktivitäten gleichen einem Himmelfahrtskommando bestehend aus Schikanen und Korruption.

Christophe Lacarin über Korruption und Schikanen in der Ukraine

Beginnen wir den Artikel doch mit der Erklärung, was Volodymyr Groysman mit der Sache zu tun hat. Die Ukraine braucht dringend Investitionen aus dem Ausland. Damit sind nicht Finanzmittel von IWF, Weltbank und anderen Geldgebern gemeint, da es sich bei denen um Kredite handelt. Die haben nun mal die unschöne Angewohnheit, am Ende der Laufzeit zuzüglich Zinsen zurückgezahlt werden zu müssen. So muss die Ukraine in etwa zwei Jahren rund 20 Milliarden US-Dollar tilgen. Rücklagen dafür gibt es bisher nicht. Es sollten also schnellstens Investoren gefunden werden, die Geld ins Land bringen.

Das ist nicht leicht für eine Regierung, die nahezu täglich von neuen Korruptionsskandalen erschüttert wird. Der Premierminister hat das erkannt und letzte Woche in einer Stellungnahme erklärt, dass er sich künftig persönlich für die Interessen ausländischer Unternehmer einsetzen werde. Ein fatales, völlig falsches Zeichen, so etwas schafft kein Vertrauen. Einen Großteil der korrupten Richter samt Sicherheitsbehörde SBU vor die Tür zu setzen – das würde einen Wandel markieren. Alles andere ist nur Augenwischerei.

Ein französischer Winzer in der Ukraine – Foto: C. Lacarin

Mit diesem Hintergrundwissen hatten wir uns auf das Treffen mit Christophe Lacarin vorbereitet. Der Mann gilt immerhin als Freund von Michail Saakaschwili und vieler anderer Mächtiger, da will man ja einiges an Informationen auf Tasche haben. Derart ging es mit dem Auto von Odessa nach Schabo. „Chabeaux“, wie der Winzer die Gegend gerne nennt. Der Mann ist halt Franzose. Für die wenigen Deutschen in Odessa, die ein Auto haben, der Hinweis, dass sich die Fahrt durchaus lohnt. Am Besten ist die Weingegend zu erreichen, indem man einfach der Küste folgt, Chernomorsk (Illichivsk) passiert und dann stets auf der Hauptstraße bleibt. Dann geht es weiter zu dem quirligen Feriengebiet Karolino Bugaz, dann der Straße rechts folgend und nach wenigen Minuten hat man Ziel erreicht. Die Gesamtfahrzeit beträgt etwa 45 Minuten.

Dass in Schabo Wein angebaut wird, hat gute Gründe. Dorf und Umgebung weisen einen recht seltenen Boden bestehend aus Schwarzerde und Sand auf. Dazu leichte Hänge, das milde Klima des nahen Meeres und ganz viel Sonne. Ideale Voraussetzungen also für den Weinanbau. Der Name der Siedlung geht auf den türkischen Begriff Ascha Abag zurück, was ungenau mit „unterhalb der Festung Akkerman und deren Weinbau-Gebiete“ übersetzt werden kann. Später wurde die Bezeichnung von französisch-schweizerischen Siedlern in Schabo umgeformt, um sie derart französischer klingen zu lasen. Ein Ort mit Geschichte also.

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Französische Lebensart in der Ukraine – Foto: C. Lacarin

Wie stellt man sich einen französischen Winzer vor? Vermutlich ungefähr so wie Christophe Lacarin: Sonnengebräunte Haut, kluge Augen und stets ein freundliches Lächeln im Gesicht. Ein Mann, der Sympathie ausstrahlt. Ein Unternehmer aus dem Ausland, der in der Ukraine Wein anbaut, und einen Revolver am Gürtel trägt. „Ich muss meine Familie beschützen“, lautet die lapidare Erklärung auf die per hochgezogener Augenbraue gestellte Frage. Eine interessante Begrüßung. Vielversprechend. Wir könnten Fragen jeglicher Qualität stellen, er werde sie gerne beantworten. Und doch stellte er eine Bedingung: Der liebevoll produzierte Wein müsse ausgiebig gekostet werden, der hausgemachten Ziegenkäse ebenfalls. Wohlan, auf solche Rahmenbedingungen lässt man sich doch gerne ein.

So nahm das Gespräch seinen Anfang. Mit der Tür ins Haus fallend, wurde dann gleich die Frage gestellt, auf die Lacarin offenbar bereits gewartet hatte. Es würde behauptet werden, dass er keine Steuern zahle, beziehungsweise über Jahre nicht gezahlt habe. Wir deuteten bereits entsprechende Gerüchte an, die in Odessa offenbar gezielt gestreut werden. Er wisse um solche Spekulationen, die eingesetzt würden, um ihn in Misskredit zu bringen. Der Winzer ging kurz ins Haus, holte einen Stapel Unterlagen und konnte uns leicht davon überzeugen, dass in punkto Steuern seit nunmehr 15 Jahren alles seine Richtigkeit hat. Das sei nur eine der vielen Methoden, ihn aus Schabo zu vertreiben, sagte er lachend, fügte dann aber ernst hinzu, dass es wesentlich Schlimmere gebe.

Ukraine Nachrichten Christophe Lacarin
Französischer Wein Made in Ukraine – Foto: UAN

So wurden Weinstöcke vor Monaten mutwillig von Unbekannten per Bulldozer zerstört. Nur einige Wochen später dann einer der Hunde per Gewehr angeschossen und schwer verletzt. Der Franzose kämpft offenbar gegen mächtige Feinde. Kein Wunder also, dass er einen Revolver mit sich führt. Um den Schlamassel, in den Lacarin nur dadurch geraten ist, dass er in der Ukraine als Unternehmer tätig werden wollte, näher zu erklären, gilt es weiter auszuholen. Die Erklärungen reichen von Puschkin, über Schikanen bis hin zu Korruption. Von dem Schriftsteller mal abgesehen, leider also nahezu Normalzustand in dem osteuropäischen Land.

Beginnen wir mit Puschkin, der laut Lacarin verantwortlich dafür sei, dass es einen Franzosen in ein Dorf in der Nähe der Metropole Odessa verschlagen hat. Als Abenteurer, der nach eigenen Angaben fünfmal die Sahara durchquert habe (und dabei zweimal fast verloren gegangen wäre), wurde er von einer Bekannten vor vielen Jahren in die ukrainische Hafenstadt Odessa eingeladen. Man ging in die herrliche Oper der Stadt, trank Weine aus Georgien und verlebte wunderbare Stunden in der Ukraine. Eines Abend wurde dann Pushkin vorgetragen und wie es das Schicksal so wollte, gerade der Passus, in dem von sagenumworbenen Weinen aus Schabo die Rede ist. Die Neugierde war geweckt, und wurde nur kurze Zeit später durch den Kauf eines alten Weinguts befriedigt.

Ukraine Nachrichten Odessa Oper
Mit Oper und Puschkin zum Winzer in der Ukraine – Foto: Dumskaya

Eine schöne Geschichte. Nun ist es aber so, dass Ausländer in der Ukraine kein Land kaufen können. Gut für den angehenden Winzer, dass seine Frau einen Pass des Landes hat. Der Kauf von Agrarland ist damit zwar bisher nicht möglich, Immobilien können aber gekauft und Pachtverträge abgeschlossen werden. Dazu muss man wissen, dass es in der Ukraine strikt untersagt ist, Agrarland gleichgültig welcher Qualität zu verkaufen. Die Landreform, auf die IWF und Weltbank bestehen, und die gegen sich die Regierung Groysman verzweifelt wehrt, soll das irgendwann mal ändern. Ukrainer erhielten seit Jahrzehnten als Ersatz für eine vernünftigen Rente Agrarland geschenkt. Davon hat das Land mehr als genug. Die Parzellen sind klein, in der Regel rund 600 bis 1.500 Quadratmeter.

Agrarwirtschaft ist auf solch kleinen Grundstücken nicht möglich, eine teilweise Selbstversorgung schon. So auch in Schabo, bis Christophe Lacarin den Besitzern laut eigener Aussage faire Pachtverträge anbot und die entsprechenden Beträge stets auf den Tag genau bezahlte. 21 Parzellen würde er derzeit pachten, und auf diesen Wein kultivieren. Schikanen durch Steuerbehörden und Sicherheitsdienst SBU habe es zwar im Verlauf der Jahre immer wieder gegeben, die sich aber stets als Kleinigkeiten herausstellten. Probleme solcher Art seien in der Ukraine normal, das dürfe man nicht allzu ernst nehmen, erklärte der Winzer mit einem traurigen Lächeln. Besser wurde es erst vor wenigen Jahren durch den neuen Gouverneur von Odessa, Michail Saakaschwili.

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Auch in Odessa ein gerne gesehener Gast – Foto: C. Lacarin

Durch dessen Unterstützung habe der Franzose endlich die Lizenz erhalten, auf die er jahrelang warten musste: Die Konzession zur Weinherstellung in der Ukraine. Nur 17 Unternehmen hatten ein solches Dokument bis dato, Lacarin war dank Saakaschwili Nummer 18 im Klub der exklusiven Weinproduzenten. Man sollte erwähnen, dass man in der Ukraine als Unternehmer eine Unmenge von Erlaubnissen und Lizenzen benötigt. Und sollte es keine passende geben, wird halt eine geschaffen. Die Schikanen von Behörden sind für Westeuropäer unvorstellbar. Wohl an, durch den neuen Gouverneur wurde alles besser. Kurzzeitig. dem Georgier war in Odessa kein Glück beschert, so dass er entnervt seinen Hut zog. Ukraine-Nachrichten berichtete ausführlich in einem Artikel.

Der Rücktritt von Saakaschwili war für Christophe Lacarin eine Zeitenwende. 15 Jahre Feldarbeit, Schikanen aller Art und doch, der Winzer hat sich in der Ukraine etwas aufgebaut. Und wurde vor Monaten durch die Abdankung seines Schutzpatrons zum Freiwild für ebenso unbekannte wie offenbar mächtige Personen, die ihn unter allen Umständen aus Schabo vertreiben wollen. Überraschende Besuche von Steuerbehörden nahmen sprunghaft zu, „gute Freunde“ verabschiedeten sich auf Nimmerwiedersehen und in den Weinreben fuhren Bulldozer unterhaltsame Wettrennen. Von Beatrice, dem angeschossenen Vierbeiner, mal ganz abgesehen. Lacarin wandte sich an die Polizei. Ohne Ergebnis. Nutzte seine Kontakte zur örtlichen Presse, bekam Schlagzeilen, und doch keine Veränderung zum Guten.

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Taras Kutovyi warf bereits das Handtuch – Foto: UNIAN

Vor einigen Monaten war es dem Franzosen dann zuviel und er reiste nach Kiew. Die Ukraine kennend, bat er einen Vertreter der französischen Botschaft sowie einen Herren der EU-Vertretung an dem Gespräch mit Landwirtschaftsminister Taras Kutovyi teilzunehmen. Der hatte laut Christophe Lacarin gleich zehn Herren bei sich, von Chancengleichheit konnte also keine Rede sein. Ziemlich direkt wurde dem Winzer mitgeteilt, dass er Schabo verlassen möge, ihm jedoch neue Anbaugebiete irgendwo in der Ukraine zur Verfügung gestellt werden würden. Der Franzose lehnte ab.

Auf so viel Hartnäckigkeit war man in Kiew vorbereitet und bot Gelder aus dem „Fonds für Katastrophen aller Art“ an. Lacarin lehnte wieder ab. Er habe ja rechtskräftige Verträge, daran gebe es nichts zu rütteln. Minister Kutovyi musste einsehen, dass der Franzose um keinen Preis der Welt weder Grund und Boden noch Reben aufgeben würde, und versprach daher im Beisein der Vertreter von Botschaft und EU-Kommission Unterstützung. Auf die wartet der Unternehmer bis heute, Taras Kutovyi ließ nie wieder von sich hören und ist inzwischen auch nicht mehr im Amt. Wie Ukraine-Nachrichten in einem Artikel berichtete, erklärte auch er seinen Rücktritt und will sich künftig mit erfreulicheren Themen als der ukrainischen Landwirtschaft beschäftigen. Um die es im Allgemeinem übrigens dank seiner Arbeit recht gut bestellt ist.

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Ein kleines Paradies in der Nähe von Odessa – Foto: UAN

Der Leidensweg von Christophe Lacarin ging weiter – und wurde schlimmer als je zuvor. Urplötzlich erklärten einige der Landbesitzer die mit dem Winzer geschlossenen Verträge für ungültig. Man habe nach 15 Jahren der Untätigkeit beschlossen, die Parzellen künftig doch selber bearbeiten zu wollen. Um acht der insgesamt 21 Agrarböden geht es, alle Besitzer nahmen sich ihren Sinneswandel binnen weniger Tage. Für Lacarin eigentlich das unternehmerische Ende, da er einen Dominoeffekt befürchtet und davon ausgeht, dass auch die restlichen Vertragspartner über Nacht ihren neuen Hang zur Landwirtschaft entdecken. Wer hinter dem Vorhaben steckt? Dazu wollte sich der Winzer in unserem Gespräch nicht äußern. Erklärte jedoch, dass das bekannte Weingut „Schabo“ in der direkten Nachbarschaft eigentlich vergleichbare Probleme haben müsste – was jedoch offenbar nicht der Fall sei.

15 Jahre in der Ukraine, das härtet ab. Christophe Lacarin nahm sich drei Anwälte und wurde von dem Gericht in Odessa vorstellig. Die unbekannte Gegenpartei inoffiziell offenbar auch – der Franzose kassierte in der ersten Instanz eine klare Niederlage. Die Verträge seien ungültig. Das sah der französische Unternehmer nicht so und lernte daher quasi über Nacht neue Freunde in Form eines einflussreichen Geschäftsmannes aus Odessa und seiner Mannschaft aus Tschetschenien kennen. Ein „Dach“, wie man es in der Ukraine gerne bezeichnet. Das hat zwar Defizite beim Schutz vor Regen, bewahrt dafür aber vor Problemen.

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Champagner-Probe im Weinkeller – Foto: UAN

Für Leser aus Deutschland mag es nun recht skurril werden, aber die Ukraine folgt halt ganz eigenen Regeln. Christophe Lacarin wurde also ein weiteres Mal bei Gericht vorstellig, begleitet von Unmengen an Verträgen, Lizenzen und Genehmigungen. Man müsse die Richter beschäftigen, derart kann sich ein Verfahren in der Ukraine über Jahre hinziehen, erklärte er verschmitzt. Er sei im Recht, also sei der Aufwand gerechtfertigt. Die neuen Freunde, die ebenfalls vor Gericht erschienen, dienten einzig dekorativen Zwecken, fügte er wenig glücklich hinzu. Korrupte Richter und diejenigen, die ihn aus Schabo vertreiben wollen, sollen wissen, dass er nicht mehr allein auf weiter Front ist. Immerhin, und das muss ihm assistiert werden, Lacarin ist endgültig im ukrainischen Geschäftsleben angekommen.

Hiermit könnte die Geschichte enden, was sie jedoch mit Sicherheit nicht tun wird. Wir haben mit Christophe Lacarin einen risikofreudigen Unternehmer kennenlernen dürfen, der die Ukraine liebt und aus vollster Überzeugung auf einen Wandel in dem Land gesetzt hat. Der 15 Jahre seiner Lebens investiert und sich viele Freunde und einige Feinde gemacht hat, stets von dem Ideal angetrieben, in der ehemaligen Sowjetrepublik als Ausländer unternehmerisch tätig zu sein. Das letzte Urteil ist noch nicht gesprochen. Weder von dem Gericht, das nach eigener Aussage mindestens bis Oktober mit der Sichtung der Unterlagen beschäftig sein wird, noch von Lacarin. Der wiederholte bei dem vorerst letzten Händedruck gleich zweimal die folgende Aussage: „Es darf nicht sein, dass die Europäische Union der Ukraine Milliarden für die Reform der Justiz gibt – und dass es keine Reformen gibt. Wo bleibt das ganze Geld, wenn Richter nach wie vor für ihre Urteile bezahlt werden können?“

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