Ein Tauchgang zum Dampfer Dürnstein

Ein Tauchgang zum Dampfer Dürnstein

Wracktauchen im Schwarzen Meer - ein Tauchgang zu dem Dampfer Dürnstein bei Odessa.

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Ein Tauchgang zum Dampfer Dürnstein

Tauchen im Schwarzen Meer: Ein Besuch der Dürnstein. Das Schwarze Meer ist sicherlich kein Eldorado für Taucher. Gewiss, die Küsten der Halbinsel Krim erlauben einmalige Erlebnisse – was zurzeit für uns aber nicht möglich ist. Zahlreiche Wracks gibt es allerdings auch in der Region Odessa. Die Route von der Hafenstadt hin zur Donaumündung ist förmlich übersät von Erinnerungen an die Vergangenheit. Die meisten dieser Überbleibsel unserer Vorfahren stammen aus Zeiten des Zweiten Weltkrieges.

Die Schiffe brachten Nachschub aus Rumänien in die Ukraine und versanken zumeist durch Feindeinwirkung. Die Sichtverhältnisse unter Wasser sind nicht immer optimal – der feine Sandboden im Zusammenspiel mit der Strömung lässt einen gelungenen Tauchgang zu einem Glücksfall werden. Wir hatten vor geraumer Zeit genau so einen Tag erwischt und konnten das Wrack der Dürnstein in voller Pracht bewundern.

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Die Dürnstein als Donau Ausflugsdampfer

Die Dürnstein liegt in der Nähe des Hafens von Ilyichevsk, also im unmittelbaren Einzugsgebiet von Odessa. Der Leiter des ansässigen Tauchclubs, Sergey Ryabov, war uns bereits im letzten Oktober bei einem Tauchgang zu dem Wrack behilflich. Wir mussten diesen jedoch aufgrund schlechter Sichtverhältnisse abbrechen.

Das Wrack der Dürnstein im Schwarzen Meer

Dieses Mal sollte alles besser werden – unvergleichlich besser, wie sich herausstellen sollte. Am 1. Mai war es dann endlich soweit: Die Wassertemperaturen waren gut, die Ausrüstung war vorbereitet und so warteten wir im Hotelzimmer auf den langersehnten Anruf. Um sechs Uhr Morgens kam er – wir schnappten uns die Ausrüstung und machten uns auf den Weg.

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Eine der wenigen Aufnahmen des Schiffes

Tauchen, das bedeutet nicht nur Abenteuer und zahlreiche Fotos, sondern auch Angeln, Grillen und ganz viel Atmosphäre. An einem eben solchen Abend erzählte uns Ryabov die Geschichte des Ausflugsdampfers. Man will ja auch wissen, mit wem man es auf dem Grund des Meeres zu tun hat.

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Der Tauchgang kann beginnen

Die Dürnstein wurde erstmals am 10. Juli 1977 erkundet. Das Wrack wurde vermessen, die Tiefe festgehalten und erste Zeichnungen angefertigt. Auch wurde zwei der Anker gehoben, ein dritter Anker verblieb auf dem Meeresgrund. Trotz aller Anstrengungen war es damals jedoch nicht möglich, das Wrack eindeutig zu bestimmen.

Es gab die folgende These:

S.V. Bodatyrey schrieb zu dem Thema: Am 7. August 2941 feuerte das sowjetische U-Boot M-31 zwei Torpedos auf einen deutschen Konvoi ab. Nach ersten Angaben versank als Folge das deutsche Schiff Durnstein in den Fluten. (S. V. Bogatyrev, R. I. Larionov, A. V. Ovcharenko “Navy Adversary’s Losses and Damages on the Black Sea Theater of Military Operations. 1941 – 1944 years”).

Diese Informationen konnten damals jedoch nicht als gesichert angesehen werden. Anderen Berichten zufolge sank die Dürnstein aufgrund eines Navigationsfehlers in der Nähe der Hafenstadt Odessa. Dass der Dampfer auf dem Meeresgrund liegt, stand also fest, doch wo genau verblieb im Unklaren.

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Das Wrack auf dem Grund des Meeres

War das im Juli 1977 erfasste Wrack nun der deutsche Ausflugsdampfer oder nicht? Gerüchte und Legenden gibt es zu fast jedem untergegangen Schiff: Taucher und Fischer liefern sich regelrechte Wettrennen darum, wer die plausibelste Geschichte auftischt. Um dem Einhalt zu gebieten, kam nur eine Lösung in Frage: Tauchgänge.

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Nomen et omen – ein Raddampfer

Im Jahr 2004 entschloss sich der Tauchclub “Afalina” aus Ilyichevsk zu einer neuen Expedition. Die 1977 ermittelten Koordinaten wurden aufgesucht, was in einer Enttäuschung mündete – an der genannten Stelle befand sich kein Wrack. Auch an anderen Plätzen fand sich keine Spur von dem Schiff. Was folgte was eine systematische Suche, die erst nach zwei Jahren zu einem Erfolgserlebnis führte: Ein Wrack wurde gefunden, dessen Beschreibung zu der Dürnstein passte.

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Artefakt vom Meeresgrund

Wenn Taucher ein ihnen unbekanntes Wrack aufsuchen, dann suchen sie zumeist nach einem ganz bestimmten Gegenstand: nach der Schiffsglocke. Die ist nicht allzu groß, und daher entsprechend schwer zu finden. Und doch, was für ein Glückfall wäre es, das kleine Stück Metall am Meeresboden aufzustöbern?

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Gute Sichtverhältnisse unter Wasser

Ein großes Ziel, das sich erst Jahre später einstellen sollte. Die Taucher untersuchten jahrelang das Wrack, das zu einem großen Teil im Schlick und Sand liegt. Zuerst mit den Händen, im Laufe der Zeit versanken die dann bis zu den Ellbogen und Schultern im Meeresboden. Irgendwo musste die Glocke doch zu finden sein…

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Kein Zweifel – die Dürnstein ist gefunden

Artefakte, Aufzeichnungen, Bücher und viele weitere Gegenstände wurde geborgen, was dann auch eindeutig die Identität des Schiffes bewies. Bei dem Wrack handelte es sich um die Dürnstein, daran gab ein kein Zweifel mehr. Das Schiff liegt rund 6,5 Kilometer vom Ilyichevsk Yacht Club, wurde also entsprechend häufig betaucht.

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Teile von Deck und Kabinen

Das Steuerrad ist erstaunlich gut erhalten und gibt ein herrliches Fotomotiv ab. Planken als Holz gibt es nach 70 Jahren unter Wasser nicht mehr, die Metallkonstruktion des Schiffes ist jedoch fast vollständig vorhanden. Das Promenadendeck gleicht einer Veranda und lädt noch heute zum Verweilen ein. Die Aufzeichnungen und Schiffsbücher wurden in der Nähe der Brücke gefunden, von der zumindest so viel erhalten ist, dass man sich ihre frühere Existenz vorstellen kann.

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Das Steuerrad ist erstaunlich gut erhalten

Schwimmt man in die andere Richtung, erreicht man die Passagierkabinen. Von dort aus kann man die alten Druckbehälter erkennen, die für den Antrieb des Schiffes sorgten. Das Deck ist von Schlamm bedeckt, wirkt auf Fotos in der Totalen aber schaurig-schön. Zahlreiche Gegenstände der Maschine liegen auf dem Deck verstreut. Das wird eine Folge des Untergangs gewesen sein, Beschädigungen, wie sie ein Torpedotreffer hinterlassen würde, konnten nicht gefunden werden. Womit dann auch die Geschichte des Untergangs geklärt ist. Das Schiff sank vermutlich als Folge eines Navigationsfehlers.

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Alte Glühbirne in Schein der Sonne

Die Dürnstein wurde im Jahr 1899 in Budapest gebaut und lief unter dem Namen Siraly vom Stapel. Nach der Umbenennung in Dürnstein verkehrte das Schiff regelmäßig als Ausflugsdampfer. Das Schiff hatte eine Länge von 56,5 Metern, eine Breite von 12,41 Metern und wurde mit einer Dampfmaschine angetrieben. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges fuhr der Dampfer als Lokalschiff auf der Donau, im Krieg wurde es als Versorgungsschiff der Truppen eingesetzt.

Die Gründe für den Untergang konnten bisher nicht restlos geklärt werden, ein Torpedotreffer war es zumindest ganz sicher nicht. Das Wrack ist interessant und ermöglicht spannende Einblicke in die Schiffbaukünste längst vergangener Zeiten.

Und die Schiffsglocke? Die wurde gefunden und ist jetzt das ganze Glück des Tauchclubs.

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Die Schiffsglocke der Dürnstein

Text und Bildmaterial: Andrej Nekrasov

Übersetzung: Boris Raczynski

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