Freundschaft mit leichter Schlagseite

Freundschaft mit leichter Schlagseite

Das traurige Schicksal des ukrainischen Segelschiffes Druschba - eine Reportage.

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Segelschiff Druschba Ukraine

Druschba, das steht für Freundschaft. Ein wunderbar passender Name für ein Segelschulschiff, auf dem Kadetten das Handwerk des Matrosen lernen und das in Häfen auf der ganzen Welt mit Bewunderung und Freude begrüßt werden könnte. Der ukrainische Segler „Druschba“ jedoch ist ein Symbol für den Zustand seiner Heimat: Freundschaft gibt es in dem tief gespaltenen Land derzeit nur wenig, ein Bürgerkrieg tobt im Osten, Änderungen zum Guten sind die Ausnahme – und doch, es gibt hier und da noch Hoffnung, dass es wieder vorwärts gehen könnte.

Er blickt nicht mehr in die Ferne. Wenn Kapitän Konstantin Kremljanski an Deck der „Druschba“ steht, dann sieht er nicht zum Himmel auf, weil er nichts von ihm erwartet. Kein mit dem Meer verschmelzendes Violett, keine blaue Grenzenlosigkeit, keine lodernden Horizonte. Keine Spur von jenen Wundern, die selbst der hochverehrte Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski nicht einzufangen vermochte, Marinemaler unter Zar Nikolaus I. Kein Himmel, der mal aus Eis geschnitten scheint und mal aus schwarzem Brokat. Kein Meer, das atmet und schreit und tobt und dann wieder stumm und glänzend daliegt wie ein Silbertablett. Das hier, das ist nicht das Meer. Das ist Spülwasser. Spülwasser mit Fettaugen.

Das ukrainische Segelschulschiff Druschba

Graublaue Stahlkadaver harren auf ihr Ende, die Luft riecht nach Diesel, und auf dem Kai verrotten Minensuchboote. Unter abgetakelten Küstenwachschiffen sammeln sich rostige Pfützen. Odessas Militärhafen, einst Stolz der Schwarzmeerflotte, ist ein Schiffsfriedhof. Hier liegt die „Druschba“ lebendig begraben. Seit fünf Jahren hat das Segelschulschiff der Marineakademie von Odessa den Hafen nicht mehr verlassen.

„Druschba“ heißt Freundschaft, der kyrillische Namenszug ist mit Girlanden verziert. Es ist einer jener Windjammer, bei dessen Anblick man sehnsüchtig wird und denkt: Schanghai. Singapur. Sansibar. Plötzlich ist man wieder ein Kind, das von fernen Welten träumt und von Kapitänen, die von einer Reise in die Südsee mit einem Äffchen auf der Schulter zurückkehren. Kapitän Kremljanskis Onkel Kostja kehrte tatsächlich einmal so von einer Reise zurück. Und dann fand er seine Frau mit einem Liebhaber im Bett. Der Liebhaber war Offizier und entkam durch einen Sprung aus dem Fenster, wobei er seine Pistole verlor – die Onkel Kostja ergriff, seine Frau tötete und sich schließlich selbst in den Kopf schoss.

Segelschiff Druschba Ukraine
Die Druschba im Hafen von Odessa

Und das ist nur eine Episode der Familiengeschichte – Konstantin Kremljanski ist Kapitän in der zehnten Generation. In seiner Familie gab es Helden und Märtyrer, Träumer und Utopisten – die alle für das Meer gelebt haben. Im Marinemuseum von Odessa war nicht nur den aufständischen Matrosen vom Panzerkreuzer Potemkin eine ganze Abteilung gewidmet, sondern auch den furchtlosen Kremljanskis. Bis das Museum abbrannte. Die letzten, vom Löschwasser durchtränkten Ausstellungsstücke verrotteten auf der Wiese hinter dem Museum. So ist das heute mit Odessa und der Marine. Selbst die von Sergej Eisenstein in seinem Film verewigte Potemkintreppe endet nicht mehr im Meer, sondern in einer Umgehungsstraße.

Früher gab es in der Stadt 20000 Seeleute, jede dritte Familie lebte von der Schifffahrt. Heute gibt es nur noch 200 Crewcompanies. „Und davon sind die Hälfte Betrüger“, sagt Kremljanski. „Was ist Odessa ohne Schiffe?“, fragt er. Die Seele weint.

„Was ist die Hafenstadt Odessa ohne Schiffe?“

Odessa, das sind pockennarbige Fassaden klassizistischer Paläste, Belle-Époque-Nymphen, Atlanten und orthodoxe Zwiebeltürme. Und der Duft von Akazienbäumen. Mama Odessa. Entweder du liebst sie. Oder. Odessa ist keine Stadt, sondern ein Glaubensbekenntnis. Kapitän Kremljanski verzeiht seiner Stadt selbst die Löcher in den Bürgersteigen, die so tief sind, dass man darin verschwinden kann. Odessa ist ein Fabelwesen, auferstanden in den Farben der Zarentöchter, Russischgrün, Schmetterlingsgelb, Fliederblau.

Der Kapitän lebt mit seiner dritten Ehefrau und seinem ersten Hund, einem Labrador, in einer typischen Odessiter Zimmerflucht mitten in der Stadt. Mit hohen, stuckverzierten Decken, Geranien auf dem Fensterbrett, nagelneuen Kieferntüren und Reisesouvenirs – afrikanische Masken, japanische Geishapuppen, eine beleuchtbare venezianische Gondel. Und mit Bildern von Segelschiffen: als Holografie, als Foto, als Holzschnitt. Er liebt seine Wohnung. Aber.

„Ich bin ein Rennpferd, das im Stall steht“, sagt Kremljanski. „Ich bin ein Hund, der an der Kette liegt.“

Segelschiff Druschba Ukraine
Deck und Aufbauten sind bereits vergammelt

Morgens um viertel vor acht bringt ihn seine Frau Tatjana zum Dienst an Bord, um drei Uhr holt sie ihn wieder ab. Der Kapitän führt das Leben eines Büroangestellten. Sieben Stunden lang tut er so, als würde das Schiff morgen schon wieder ablegen. Alle auf der „Druschba“ tun so, als ginge es morgen auf große Fahrt, die Kadetten, die Offiziere, die Funker, die Bootsmänner, selbst der Koch. Sie entwerfen Seerouten, machen Alarmübungen, bereiten Krautsalat vor, halten den Maschinenraum instand und hoffen. Darauf, dass die ukrainische Regierung sich ihrer entsinnt. Darauf, dass die Segel wieder instand gesetzt werden. Darauf, dass es wieder losgeht.

Wenn Kremljanski in der nussbaumvertäfelten Kapitänskajüte sitzt, füllt er sie mit seinem gewaltigen Körper fast aus. Vor seiner Schlafkoje hängt ein verblichener grüner Vorhang, der aussieht, als hätte er noch Chruschtschows Tauwetter erlebt. Die kantigen Telefone über dem Schreibtisch wirken wie aus einem sowjetischen Nostalgiemuseum entliehen, und man zuckt zusammen, wenn sie tatsächlich klingeln. Kurz nach dem Klingeln stellt sich ein junger, kahl geschorener Mann vor, er will als Koch auf der „Druschba“ anheuern. „Sie wollen wirklich hier arbeiten?“, fragt Kremljanski ungläubig. „Und Sie verlassen das Schiff nicht unangekündigt?“

Segel und Maschine kaputt, Wasser im Rumpf

Der kahle Junge schüttelt den Kopf und lacht verschämt. „Na dann“, sagt Kremljanski und wirft seine Unterschrift auf ein Blatt. Der Junge nimmt es mit beiden Händen entgegen und verbeugt sich so demütig wie vor einem König, der ihm gerade eine Ernennungsurkunde überreicht hat.

Im Halbdunkel der Kajüte leuchtet der Kapitän wie eine Rettungsboje, sein kurz geschnittenes Haar ist so weiß wie sein Bart, sein Hemd, seine Hose. Sein Gesicht ist glatt und gebräunt, die Augen sind dunkelbraun und in seinen Augenwinkeln liegen kleine, tiefe Grübchen, die aussehen wie hereingekniffen. Er drückt auf einen Knopf unter dem Tisch, um Kaffee zu bestellen. „Nescafé, es tut mir leid“, sagt er. „Sie bleiben doch zum Essen?“

Hinweis: Der vorliegende Artikel erschien im Oktober 2007 im Mare Magazin. Autorin des Textes ist Petra Reski, die damals als freie Journalistin in Venedig lebte. Zehn Jahre sind vergangen, seitdem Reski die Druschba und ihren Kapitän besuchte – an dem Schicksal des Segelschulschiffes hat sich seitdem wenig verändert. Einzig die leichte Schlagseite wird von Jahr zu Jahr deutlicher sichtbar. Ein trauriges Schicksal für ein Schiff, das erst 1987 gebaut wurde und zusammen mit ihren fünf Schwesterschiffen zu den größten Segelschiffen der Welt gehört.

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