Chancen hybrider Kriegsführung

Chancen hybrider Kriegsführung

Interview mit Yevhen Mahda - Strategien dem hybriden Krieg Russlands zu begegnen.

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Interview mit Yevhen Mahda zum Thema Hybride Kriegsführung

Die Ukraine befindet sich in einem Krieg. An mehreren Fronten zugleich. Die Situation im Osten des Landes als „militärischen Konflikt“ zu bezeichnen, klingt zwar politisch außerordentlich korrekt, geht aber an der Realität vorbei. 10.000 Tote sind kein Konflikt mehr, das ist ein Krieg. Diskussionen über Anfang und Grund gab es viele, Gespräche in Minsk ebenso, viel geändert hat sich bisher wenig.

Fast jeden Tag sterben Menschen, Zivilisten und Kämpfer auf beiden Seiten. Möchte man den Verhandlungen von Minsk etwas positives abgewinnen – und das gilt es zu tun – dann ist es der Umstand, dass der ganz große Konflikt bisher ausgeblieben ist.

Wege der hybriden Kriegsführung zu begegnen

Die Regierung in Kiew sieht sich zudem weiteren Herausforderungen ausgesetzt. Russland hat sich in den letzten Jahren zu einem Meister der hybriden Kriegsführung entwickelt. Mit Information und Desinformation werden auch deutsche Leser in ein Wechselbad der Loyalitäten gezwungen.

Die Realität wird verschleiert, und das derart kunstvoll, das es keine Wahrheit mehr zu geben scheint. Russische Medien haben Millionen von Kapital hinter sich. Kein Wunder also, dass diese Informationsquellen technisch perfekt aufgebaut wurden. Und die Artikel sind fundiert – wenn auch die Leseart eindeutig ist.

Die Manipulation ist offenkundig – und wird trotzdem von vielen für bare Münze genommen. Der Einfluss der von Russland unterstützen Medien geht so weit, dass EU-Parlament und Bundestag anfangen, sich ernsthafte Sorgen zu machen. Das sollten sie wohl auch, da Russland den Informationskrieg derzeit zu gewinnen scheint.

Zudem können deutsche Medien kaum regulierend wirken, da ihnen das Wissen um die Ukraine fehlt. Auch sind entsprechende Journalisten kaum im Land, was eine seriöse Berichterstattung ad absurdum führt.

Manipulation beunruhigt Bundestag und EU-Parlament

Der ukrainische Minister für Informationspolitik, Dmytro Zolotukhin, hat das erkannt und will mit Social Media-Spezialisten entgegenwirken. Einer von diesen ist Yevhen Mahda, Professor am „National Technical University Igor Sikorsky Kyiv Politechnical Institute“, Autor des Buches „Hybrid Russian Aggression: Lessons for Europe“ und Analyst für politische Fragen und Unternehmen in der Ukraine.

Wir hatten Gelegenheit, Herrn Mahda einige Fragen zum Thema stellen zu können.

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Professor Yevhen Mahda – Buchautor und Spezialist für hybride Kriegsführung

UN: Yevhen Mahda, vielen Dank für Ihre Zeit. Thema dieses Gesprächs ist die hybride Kriegsführung Russland und Möglichkeiten der Ukraine, dieser entgegenzuwirken. Die russische Propaganda ist professionell und mit Millionenbeträgen ausgestattet. Aus der Sicht eines deutschen Beobachters könnte man den Eindruck gewinnen, dass Moskau diesen Krieg gewinnen wird.

Der Ukraine scheint das Wissen zu fehlen, diesen hybriden Krieg zu kontern. In einem Interview mit dem ukrainischen Nachrichtenportal KyivPost behaupteten Sie allerdings, eine geeignete Strategie zur Hand zu haben. Das stimmt neugierig.

YN: Einleitend möchte auch ich mich für dieses Interview bedanken. Je mehr Menschen wir erreichen, umso mehr Verständnis für die Situation wir erzielen, desto besser können wir den Angriffen Russlands entgegnen. Die Ukraine ist nun ein unabhängiger Staat. Das Projekt „Novorosija“ (Neurussland, Anmerkung der Redaktion) ist gescheitert. Das ist zweifellos positiv zu sehen.

Allerdings ist unser Land das Ziel massiver Angriffe hybrider Kriegsführung. Dazu verwendet Russland den Sachverhalt, dass es die Ukraine nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion versäumt hat, eine eigene Identität gegenüber Westeuropa aufzubauen. Dadurch hat Moskau klare Vorteile bei der Beeinflussung der öffentlichen Meinung in der EU und den USA. Für die Ukraine ist es daher schwer, Informationen über die wahren Ereignisse auf der Halbinsel Krim und aus dem Donbass in den westlichen Medien darzulegen.

Die russische Strategie kann meines Erachtens am Besten begegnet werden, indem die Ukraine davon Abstand nimmt, sich stets als die derzeit größte Herausforderung Europas darzustellen. Es mag paradox erscheinen, doch der größte militärische Konflikt auf unserem Kontinent binnen der letzten 20 Jahre findet nur auf rund fünf Prozent des Territoriums der Ukraine statt. Die Regierung in Kiew wäre daher gut beraten, das Land als interessant und zuverlässig für Investoren und Partner zu präsentieren.

Dazu ein Beispiel: Trotz einiger Rückschlage im Jahr 2009 und entsprechenden Propagandamaßnahmen Russlands ist die Ukraine ein zuverlässiger Partner bei der Durchleitung von russischem Gas nach Westeuropa. Es ist notwendig, dass auch in der Presse Deutschlands und anderer Staaten Europas entsprechend darzustellen. Auch halte ich es für sinnvoll, Journalisten aus der EU einzuladen, damit sich diese vor Ort einen Eindruck verschaffen können.

UN: Ukrainische Fernsehzuschauer erhalten je nach Besitzer des entsprechenden Senders ein recht verzerrtes Bild von der Situation im Land und der Regierung in der Hauptstadt Kiew. Wäre es angesichts der Bedrohung durch Russland nicht langsam an der Zeit, eine gemeinsame Strategie in puncto Berichterstattung zu schaffen?

YM: Russland setzt eine Kombination verschiedener Medien ein. Was die staatlichen Sender nicht offiziell bringen dürfen, wird von den Unternehmen hinter LifeNews und NTV geleistet. Die Staatssender gefährden so nicht ihre Reputation, und die privaten Sender generieren Zuschauerzahlen. Diese Art der Beeinflussung ist geradezu perfekt. Wir sollten genauso vorgehen.

Zumindest mit einer inoffiziellen Absprache zwischen dem Informationsministerium, dem Innenministerium, den Sicherheitsbehörden und den wichtigsten TV-Sendern. Es ist notwendig, die nationalen Interessen unserer Landes höher als die Interessen der genannten Institutionen zu bewerten. Meinungsfreiheit und Kritik gehören zu einer demokratischen Gesellschaft, aber unser Land befindet sich in einem Krieg und wir müssen diesem entsprechend entgegnen.

UN: Das Ansehen der Ukraine hat sich in den letzten Monaten in Deutschland deutlich verschlechtert. Während des EuroMaidans sprachen sich viele für eine Unterstützung der Ukraine aus. Nach der Annektierung der Krim und dem tragischen Abschuss der MH17 war kurzeitig eine Art von Euphorie für die ehemalige Sowjetrepublik zu spüren.

Davon ist heute nicht mehr allzu viel zu spüren – im Gegenteil, immer häufiger findet man auch in deutschen Qualitätsmedien offene Kritik an der Regierung in Kiew. Die grassierende Korruption in der Ukraine öffnet Russland Tür und Tore Kiew mit allen Regeln der Kunst anzugreifen. Auch die Opferrolle, mit der sich das Land bevorzugt darstellt, scheint sich abzunutzen.

YM: Der Abschuss der MH17 war eine entsetzliche Tragödie. Sie zeigte der Welt allerdings auch, dass die Ukraine nicht gegen Arbeiter aus Bergwerken und Taxifahrer kämpft, sondern gegen gut ausgerüstete Truppen. Der Kreml wollte dies geheim halten, was nach dem Unglück nicht mehr möglich war. Zudem sollten die wahren Ziele Moskaus verschleiert werden. Sie haben aber natürlich recht, die Ukraine steht vor einer  Vielzahl von Herausforderungen – die Korruption gehört zweifellos dazu.

Ich bin allerdings der Meinung, dass eine unabhängige Ukraine wichtig für Europa ist. Auch sollte in der westlichen Presse Erwähnung finden, wie mutig die Ukrainer ihr Land verteidigen. Die Zivilgesellschaft spendiert jedes Jahr große Geldbeträge, damit wir keinen Schritt zurückweichen müssen.

Unser Land befindet sich im Herzen Europas. Die Ukraine möchte keine Brücke zwischen der EU und Russland sein. Unser Ziel ist die EU-Integration. In diesem Zusammenhang ist die Rolle Deutschlands als treibende Kraft Westeuropas von einer überragenden Bedeutung.

Gewiss, wir werden vielleicht noch warten müssen – und doch, der Wunsch wird stets vorhanden sein. Andererseits, und dies ist nicht theatralisch gemeint, zeigt die ukrainische Geschichte eines überdeutlich: Dass sich das Land eigentlich nur auf sich selbst verlassen kann.

Inhalte von Interviews oder Gastartikeln und deren Übersetzungen entsprechen nicht zwingend der Meinung der Redaktion.

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