Naftogaz kämpft mit allen Mitteln

Naftogaz kämpft mit allen Mitteln

Nord Stream 2: Ukrainischer Gaskonzern Naftogaz kämpft ums nackte Überleben.

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Naftogaz kämpft ums nackte Überleben

Der ukrainische Gaskonzern Naftogaz kämpft ums nackte Überleben. Sollte der russische Energiekonzern Gazprom die neuen Pipelines Nord Stream 2 und Turkstream im Jahr 2019 in Betrieb nehmen, gehen bei Naftogaz buchstäblich die Lichter aus. Das soll um jeden Preis verhindert werden – auch wenn dazu erstaunliche Mittel angewendet werden müssen.

Es ist ein kleiner Paukenschlag, den das ukrainische Informationsportal Ukrinfom unter Berufung auf RIA Novosti und The Wall Street Journal in nur wenigen Zeilen veröffentlichte: Der ukrainische Energiekonzern Naftogaz habe die USA gebeten, alle diejenigen Unternehmen „zu bestrafen“, die an dem Bau der russischen Pipeline Nord Stream 2 beteiligt sind. Das passt inhaltlich ausgezeichnet zu den neuen Sanktionen, die vom US-Senat mit überwältigender Mehrheit beschlossen worden. Das dabei auch Unternehmen aus Deutschland und Österreich Schaden nehmen, kümmert weder Ukraine noch US-Senat. Kanzlerin Angela Merkel und EU-Kommission reagierten entsprechend aufgebracht. Das letzte Wort zu den neuen Sanktionen wird US-Präsident Donald Trump haben.

Naftogaz wehrt sich derart vehement gegen die neuen Pipelines, da diese den Ausfall von Transitgebühren in Milliardenhöhe bedeuten würden. Im Grunde könnte das Staatsunternehmen dann dicht machen, da es ohnehin komplett überschuldet ist. Daher wird der ukrainische Konzern mit neuen Tarifen überzeugen, die die Transporte über die Ukraine billiger als über Nord Stream 2 machen sollen. „Gazprom vergleicht die zu Transportgebühren über Nord Stream 2 fälschlicherweise mit den derzeitigen ukrainischen Tarifen“, hieß es von Naftogaz auf Anfrage von energate. Richtig wäre ein Vergleich der Tarife beider Alternativen im Jahr 2020.

Nach der vollständigen Amortisierung der Gastransport-Aktiva im Jahr 2019 würde die Buchung der Transportkapazitäten in der aktuellen Größenordnung von 110 Mrd. Kubikmetern Erdgas im Vergleich zu Dezember 2015 etwa um das Zehnfache sinken. Der Tarif würde damit bei 5,60 US-Dollar je 1.000 Kubikmeter liegen.

Bei der Buchung höherer Transportkapazitäten von etwa 150 Mrd. Kubikmetern pro Jahr würde der Tarif sogar auf 4,30 US-Dollar sinken, rechnet Naftogaz vor. Damit wäre der Transport über die ukrainische Route um etwa drei- bis viermal billiger als der Transit über Nord Stream 2 bei voller Auslastung. „Das unterstreicht den politischen und nicht ökonomischen Hintergrund dieses Bauvorhabens“, betont Naftogaz.

Bis zum 1. Januar 2016 wurde der Transporttarif für russisches Erdgas nicht reguliert, so eine Naftogaz-Sprecherin zu energate. Dieser sei zwischen Naftogaz und Gazprom immer wieder neu verhandelt worden. Der Tarif basierte auf dem alten Abkommen aus dem Jahr 2009 und war „unbegründet niedrig“, weil er die Ausgaben von Naftogaz nicht ausreichend widerspiegelte und Gazprom de facto nur für die physische Durchleitung von Erdgas zahlte und nicht für die reservierten Transportkapazitäten.

So zahlte Gazprom etwa 2,5 US-Dollar/100 Kilometer für den Transport von 1.000 Kubikmeter Erdgas. Nach dem 1. Januar 2016 gelte in der Ukraine eine neue Transferpolitik, die im Einklang mit den europäischen Richtlinien der Regulierungsbehörde die Bestimmung der Tarifhöhe überlässt. Unter dem Strich zahlte Gazprom bislang etwa 28 US-Dollar für den Transport über die Ukraine je 1.000 Kubikmeter. Mit der neuen Tarifregelung würden die Entry- und Exitentgelte zusammen bei derzeit etwa 57,70 US-Dollar liegen.

Obwohl Gazprom die neuen Tarifregeln nicht akzeptieren will, bestehen keine Zweifel, dass das alte, bilaterale Abkommen mit Naftogaz nicht über den neuen ukrainischen und EU-Richtlinien stehen kann, betonte Naftogaz und erwartet eine Anpassung. Dies sei auch ein Teil der Forderungen von Naftogaz, die derzeit vor dem Stockholmer Schiedsgericht verhandelt werden. Dass die ukrainische Route für die Russen interessant sei, zeigte Naftogaz anhand der aktuellen Statistik: In den ersten fünf Monaten 2017 hatte Gazprom über die Ukraine 38,26 Mrd. Kubikmeter und damit 22 Prozent mehr Erdgas transportiert als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum und um 64 Prozent mehr als 2015.

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