Odessa: Im Gespräch mit Aktivisten

Odessa: Im Gespräch mit Aktivisten

Ukraine-Nachrichten im Gespräch mit Aktivisten vor der Sberbank Odessa.

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Ukraine Nachrichten Sberbank Verkauf
Ukraine-Nachrichten im Gespräch mit Aktivisten

Die russische Sberbank hat es zurzeit nicht leicht in der Ukraine. Zuerst wurden Geschäfte mit Kunden aus den Volksrepubliken bloßgestellt, dann Eingänge zu Filialen vermauert und zu guter Letzt folgten dann noch Sanktionen von Präsident Petro Poroschenko. Der hatte allerdings der IWF vor Tagen versprochen, russische Banken in seinem Land künftig besser schützen zu wollen. Eine lobenswerte Zusage, an der Umsetzung hapert es allerdings massiv. Ukraine-Nachrichten hat sich mit Aktivisten in Odessa unterhalten, die seit Tagen eine Sberbank-Filiale belagern.

Im Gespräch mit Aktivisten in Odessa

Die 21-jährige Studentin Alina (Hinweis: Name von der Redaktion geändert) sieht wie so viele Ukrainerinnen umwerfend aus, ist gut gekleidet und spricht fließend English. Ein Glück von uns, da unser Russisch doch etwas holperig ist. Als Hinweis für Leser, in Odessa wird überwiegend Russisch gesprochen. Wir lernten die junge Aktivistin vor einigen Tagen kennen, als sie gemeinsam mit etwa acht weiteren jungen Leuten eine Filiale der Sberbank in der Hafenstadt förmlich belagerte.

So kein Beton zum Einsatz kommt, kann man sich das wie folgt vorstellen: Eingangstür und Scheiben werden komplett mit Papier verklebt, Sitz- und Schlafsäcke davor platziert und einige Fahnen aufgestellt. Junge Leute verteilen dann Flugblätter und versuchen, Passanten in ein Gespräch zu verwickeln. Also eigentlich genau so, wie man sich eine Demonstration vorstellt. Von dem Einsatz von Stein und Beton wurde in Odessa abgesehen. Die Niederlassung war auch noch geöffnet – und erstaunlich viele Kunden betraten das Gebäude.

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Sberbank Filiale in Odessa – Foto: UAN

Das hat Alina nicht gefallen, wie man dem kritischen Gesichtsausdruck entnehmen konnte. Nach einer kurzen Vorstellung samt Lächeln ging es dann los: Alina wurde gebeten, den Sinn der Sache zu erklären. Das wäre ganz einfach, Russland ist der „Aggressor“, daher müssen alle russische Banken und Investoren die Ukraine verlassen. Lieber gestern als heute, ergänzte sie. Die Sberbank sei aber doch bereits verkauft worden? Nein, alles Lügen. Daran könne sie nicht glauben, daher „müsse der Kampf weitergehen“. Immer mehr Menschen würden sich dieser Meinung anschließen, verkündete sie stolz.

Es war an der Zeit für ein weiteres Lächeln. „Alina, wir reden jetzt seit 25 Minuten, kein einziger Mensch kümmert sich um das, was ihr hier tut. Niemand ist stehen geblieben, niemand hat einen Flyer genommen.“ Das sei normal, es brauche halt seine Zeit. Und Odessiten seien halt ein ganz besonderes Volk. Auf Nachfrage entgegnete die junge Dame allerdings, dass auch sie aus der Hafenstadt kommen würde. Nachdem darüber viel gelacht wurde, folgte die nächste Frage: Russland sei laut ukrainischen Medien immer noch der mit Abstand größte Investor in der Ukraine. Wie soll es mit dem Land denn weitergehen, würde das Geld aus Russland wegbleiben?

Dies sei egal. Die Ukraine befände sich in einem Krieg, Opfer müssten gebracht werden. Die Soldaten an der Front würden ja auch für ihr Land sterben. Eine Logik, der man durchaus viel Wahres abgewinnen kann. Eine letzte Frage erlaubten wir uns noch – obwohl Alina sicherlich noch gerne stundenlang geplaudert hätte. Was sei der schlimmere Feind: Russland oder die Korruption der Politiker und Entscheider? Da wurde die junge Studentin auf einmal ganz ernst und sagte: „Die Korruption. Die widert mich an. Die Soldaten sterben, wir stehen hier und frieren und die Politiker werden immer fetter.“ Damit war die Zeit gekommen, Alina mal in die Arme zu nehmen und ganz kräftig zu drücken.

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