Ryanair tritt kräftig nach

Ryanair tritt kräftig nach

Ryanair tritt der Ukraine kräftig gegen das Schienbein - das muss nicht sein.

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Ukraine Nachrichten Ryanair
Ryanair und Ukraine - ein komplexes Thema

Ryanair wird entgegen Ankündigungen keine Verbindungen in die Ukraine schaffen. Das ist seit Anfang Juli bekannt und hat für allerlei Enttäuschung bei den Ukrainern gesorgt. Visafreiheit und günstige Flugreisen – das hätte halt ausgezeichnet zusammengepasst. So richtig glücklich scheint der irische Billigflieger mit seinem Rückzug aber nicht zu sein: In einem Bericht der Financial Times tritt die Fluggesellschaft der ukrainischen Regierung ordentlich ans Bein. „Es wäre eine Katastrophe für die prowestlichen Ambitionen der Ukraine“ tönt es dort. Man kann die Sache aber auch anders sehen – und dazu stichhaltige Argumente ins Feld führen.

Ryanair rechnet mit der Ukraine ab

David O’Brain von Ryanair bezeichnet das Verhalten der ukrainischen Regierung als „mangelnde Wertschätzung eines bereits beschlossenen Vertragswerks“, berichtet das Nachrichtenportal UNIAN unter Berufung auf die Financial Times. Es sei zudem eine Katastrophe für die Verantwortlichen in der Ukraine, zeige der Kiewer Flughafen Boryspil doch deutlich, dass die Ukraine immer noch kein zuverlässiger Standort für ausländische Investoren sei. Die ukrainische Regierung habe die Verträge – es wird sich wohl eher um Absichtserklärungen gehandelt haben – aufgekündigt, um die „teuren inländischen Fluggesellschaften“ vor dem Billigflieger zu beschützen.

„Schutz inländischer Fluggesellschaften“

So weit RyanAir – und möglicherweise wird an den Vorwürfen ja auch was dran sein. Die Korruption in der Ukraine blüht ungebremst, Seilschaften sind für Geschäfte in dem Land unumgänglich. Die Regierung in Kiew ist bei relevanten Entscheidungen wie Bodenreform und Rentenreform aufgrund des Parlaments nahezu gelähmt, da finden die drastischen Worte des Billigfliegers bei vielen natürlich Gehör. Das Thema ist aber wohl deutlich komplexer, als es den Anschein hat. Gewiss, ein Deal ist geplatzt, aber es gibt mit Wizz Air bereits einen Billigflieger im Land. Und auch Eurowings will im nächsten Jahr Verbindungen schaffen. So schlimm kann es also um die Ukraine auch nicht bestellt sein.

Der umstrittene Oligarch Ihor Kolomojskyi

Um sich dem Reinfall inhaltlich weiter anzunähern, gilt es, drei weitere Faktoren ins Spiel zu bringen: einen umstrittenen Oligarchen, einen beredsamen Politiker und den Chef vom Flughafen Boryspil in Kiew. Beginnen wir mit Ihor Kolomojskyi, dem ehemaligen Besitzer der größten Bank im Land. Dem Oligarchen gehört in der Ukraine vieles: Die Fluggesellschaft Ukraine International Airlines, mindestens ein Flughafen – so genau weiß man das nicht – Anteile an den meisten Staatsbetrieben (deswegen schlagen auch fast alle Privatisierungen fehl) und ein Großteil der Freiwilligenverbände an der Front zu den von prorussichen Separatisten besetzen „Volksrepubliken“ hört auf sein Kommando. Ein Mann also, mit dem man sich besser nicht anlegt.

Ukraine Nachrichten Ihor Kolomojskyi
Ihor Kolomojskyi – Ursache oder Sündenbock?

Der Präsident der Ukraine, Petro Poroschenko, tut das dennoch regelmäßig, womit der Einfluss Kolomojskyis zumindest reduziert wird. Mächtig ist das Mann jedoch immer noch – und vielen ein Dorn im Auge. Die im letzten Jahr verstaatlichte PrivatBank gehörte ihm ebenfalls, womit Ryanair wieder ins Spiel kommt. Die PrivatBank wurde von der Nationalbank der Ukraine nach Anraten von IWF und Weltbank übernommen. Damit hat sich die NBU einen gewaltigen Stapel Schulden aufgehalst, das Land aber dennoch nach vorne gebracht. Ihor Kolomojskyi hatte bis dato rund 55 Prozent aller Bankgeschäfte unter seiner Kontrolle.

Kredite der Privatbank sicherten Flugbetrieb

Seine Fluggesellschaft wurde von der Privatbank massiv durch günstige Kredite unterstützt. Für diese Kredite muss jetzt die Nationalbank den Kopf hinhalten. Damit gehört sie zu einem offiziell unbekannten Anteil der ukrainischen Regierung. Dies würde die These von David O’Brain unterstützen, nach der die Regierung keine weitere Konkurrenz in Form eines Billigfliegers im Land haben will. Die Ukraine International Airlines zu unterstützen würde in diesem Licht betrachtet bedeuten, das eigene Geld zu beschützen. Das wäre angesichts der finanzielle Schieflage des Landes durchaus nachvollziehbar.

Verkehrsminister Volodymyr Omelyan

Weniger Sinn ergeben anscheinend die Äußerungen von Verkehrsminister Volodymyr Omelyan, der vor einigen Wochen in einer Stellungnahme die alleinige Schuld bei Kolomojskyi sah. Das ist aufgrund der bereits dargelegten Argumentation inhaltlich nicht nachvollziehbar. Andererseits taugt der umstrittene Oligarch vielen stets als Feindbild, also warum nicht? Medienwirksam war die Erklärung von Omelyan allemal. So richtig eindeutig ist die Sache also nicht – und es gibt nur einen Mann, der vermutlich viele Fragen beantworten kann: Pavlo Riabikin, der Leiter des Flughafens Kiew Boryspil.

Der Chef vom Flughafen Kiew Boryspil

Von der deutschsprachigen Presse unbemerkt, hat Riabikin bereits vor Wochen zu dem Thema Stellung bezogen. Ryanair hat auf seine Darstellung bisher nicht direkt reagiert, womit womöglich eine gewisse Glaubwürdigkeit vorhanden ist. Bevor Ukraine-Nachrichten.com die vom Flughafen-Chef genannten Punkte in einer Liste aufzählt, sein Fazit: „Ich bin für alle Verträge des Flughafens verantwortlich und werde diese Liste an Forderungen nicht unterzeichnen. Ich erwarte einen jährlichen Verlust von 2 Milliarden US-Dollar, sollten wir uns auf diesen Handel einlassen. Es gibt jedoch eine andere Möglichkeit für die Regierung, Ryanair entgegenzukommen – mich von meinen Aufgaben zu entbinden.“ Und wirklich, Pavlo Riabikin sollte entlassen werden, er wurde es aber nicht.

Anbei seine Darstellung der Forderungen von Ryanair, unkommentiert:

• Gerichtsstand in London

• Kostenlose Flughafendienste

• Kostenlose Fluggastabfertigung

• Kostenlose Taxiplätze

• Kostenlose Werbeflächen

• Kostenlose Gepäckannahme

• Kostenloses Grundstück zum Bau eines Hotels

• 35 Prozent Einnahmen aller Duty Free Shops

• Garantierte Stellplätze für Passagiermaschinen

• Flughafenanteil pro Passagier 7,5 USD für 5 Jahre (Vergleich: British Airways 20 USD)

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