Tragik ausländischer Ukraine-Patrioten

Tragik ausländischer Ukraine-Patrioten

Die falschen Ukraine Patrioten auf Facebook - ein Kommentar von Daniel M. Porcedda.

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Der Kampf um die Patrioten-Hoheit am Facebook-Stammtisch ist manchmal schon tragikomisch. Deutsche (und teils auch andere Ausländer oder Expats) ringen um die virtuelle Trophäe des größten Ukraine-Patrioten. Es dürfte für einige gemäßigte Ukrainer ein seltsames Schauspiel sein. Vor allem für solche, die sich selber ebenfalls als Patrioten sehen.

Leider hat diese „Fraktion“ der „ausländischen“ Patrioten nach dem Euromaidan, der auch Revolution der Würde genannt wird, stark zugelegt. Sie fällt auf mit dem ständigen Vorzeigen patriotischer Zeichen, sei es mittels teils übergroßen Flaggen (sogar am Strand im Türkei-Urlaub, wie auf einigen Facebook-Bildern zu sehen), T-Shirts (mit Dreizack oder irgendwelchen patriotischen Sprüchen die Ukraine betreffend), Armbänder in den Ukraine-Farben und vieles mehr.

Selbstverständlich sind blau-gelbe Anhängsel und Körperdekorationen per se nicht verächtlich. In Kombination mit entsprechenden Kommentaren in den sozialen Medien jedoch entfaltet sich die explosive Wirkung unübersehbar.

Die harmlose Varianten des Patriotismus-Wettbewerbes

Alles, aber auch alles, was irgendwie „ukrainisch“ ist, wird in den Himmel gelobt, sei es ein Flugzeug (obwohl nachweislich einiges beim ukrainischen Flugzeugbauer Antonov im Argen liegt), ein Traktor (der technisch nun aber auch rein gar nichts Revolutionäres bietet, sondern bloß herkömmliche Technik), sei es Musik (Pop oder Folklore, auch wenn die Musik und Musiker teils grottenschlecht bis lächerlich sind), sei es ein Sport-Wettbewerb (juhu, die Ukraine hat gesiegt, ob verdient oder nicht spielt keine Rolle), sei es ein Musikwettbewerb (wenn gewonnen war der ukrainische Beitrag eh der Beste, wenn verloren ging was nicht mit rechten Dingen zu), sei es die Aufnahme einer Universität in eine wie auch immer geartete Rankingliste (auch wenn weiterhin in ukrainischen Universitäten viele Diplome gekauft werden und diese Diplomeigner zu allem fähig aber zu nichts zu gebrauchen sind) …

Die weniger harmlose Varianten des Patriotismus-Wettbewerbes

Diese sehen folgendermaßen aus … an Hand eines Beispiels (unter vielen) demonstriert, gepostet von einem deutschen Bürger aus Westdeutschland:

„Tod dem Feind“ … eine kräftige Aussage zum kriegsverherrlichenden Bild. Auch wenn dieser Spruch in der Ukraine durchaus des öfteren zu lesen ist, mutet es doch seltsam an, wenn er von einem deutschen Bürger und Mitglied der Jungen Union, der dazu nicht mal in der Ukraine lebt, gepostet wird.

Eine fast schon homogen erscheinende Gruppe ausländischer Ukraine-Patrioten ist nach dem Ende der Revolution der Würde, die am 21. November 2013 begann, auf Facebook und anderen sozialen Medien wie Phönix aus der Asche entstiegen.

Aus dieser Gruppe kommen dann meist auch die heftigsten Gegenkommentare auf berechtigte Kritik an der Ukraine, am Präsidenten Poroschenko oder an sonst einem Aspekt, der direkt mit der Ukraine zusammenhängt.

Diskussionen über die Ukraine werden immer emotionsgeladener. Sachlichkeit verkommt zum Fremdwort. Dazu kommt, dass kritische Kommentare zu häufig von vornherein als Angriff auf die Ukraine interpretiert werden, wobei die Entgegnungen immer öfters entsprechend rüde und beleidigend ausfallen.

Die Diskussionskultur ist längst auf der Strecke geblieben und zu einem Wetteifern über den Patriotismusgrad selbsterwählter Auslands-Ukrainer geworden.

Der Spaßfaktor in Diskussionen die Ukraine betreffend ist ohnehin seit Mitte 2014 nicht sehr hoch. Der Erkenntnisgewinn aus diesen Disputen tendiert mittlerweile allzu oft gegen Null.

Vom Ukraine-Patrioten zum selbsternannten Ukraine-Experten

Ein für viele Ukraine-Beobachter und Kommentatoren  ärgerlicher Aspekt: Nachdem sich der damalige Präsident Janukowitsch (von Februar 2010 bis Februar 2014) am späten Abend des 21. Februar 2014 ins ostukrainische Charkiw absetzte und wenige Tage später von dort nach Russland floh, wurden die sozialen Medien (und teils auch andere Medien) mit Kommentaren und Beiträgen von selbsternannten Ukraine-Kennern überschwemmt.

Während den „heißen“ Monaten von Dezember 2013 bis Februar 2014 jedoch, als Janukowitsch noch als Präsident fungierte und Kritik am Präsidenten, dessen Herrschaftsstil unübersehbar autokratische Züge angenommen hatte, mögliche Repressionen nach sich hätte ziehen könnten, trauten sich diese nicht, physisch auf dem Maidan zugegen zu sein (diejenigen, die in Kiew lebten oder in einer anderen ukrainischen Stadt, in der demonstriert wurde) oder öffentlich kritisch gegen Janukowitsch anzuschreiben.

Und plötzlich gerierten sich alle diese „Mutigen“ als Ukraine-Experten und -Patrioten. Dabei waren viele sich nicht zu schade, Texte und Bilder von anderen zu „klauen“ und diese dann unter ihrem Namen als ihre eigene geistige Ergüsse zu veröffentlichen.

Nun sind mittlerweile 3 Jahre vergangen. Und die gleichen Hasenfüße von einst vor Ort sowie die sich in Ferndiagnostik austobenden Besserwisser von außerhalb pinkeln ukraine-kritischen Kommentatoren regelmäßig ans Schienbein. Vorwürfe von, „man mache die Ukraine schlecht“ bis „man würde Putin in die Hände spielen“ (!) müssen sich solche, die die Situation in der Ukraine kritisch und analytisch kommentieren, immer wieder über sich ergehen lassen.

Wenn Patriotismus zum Weltbild wird, bleiben das Urteilsvermögen und die Objektivität auf der Strecke.

Über den Autor Daniel M. Porcedda

Dr. jur. Daniel M. Porcedda, Jahrgang 1959, luxemburgischer Staatsangehöriger, seit 1998 in Kiew, arbeitete dort viele Jahre als Unternehmensberater und vertrat u.a. eine Schweizer Anwaltskanzlei sowie andere Unternehmen in der Ukraine. Er hat sowohl die Orange Revolution 2004 als auch die Revolution der Würde 2013/2014 auf dem Maidan direkt miterlebt und für diverse Medien in Luxemburg und Deutschland berichtet. Ebenfalls war er als Interviewpartner in luxemburgischen Printmedien, Radio und TV präsent. Darüber hinaus stand er staatlichen Stellen und Parlamentariern als Informationsgeber über die Vorgänge des „Maidans der Würde“ zur Verfügung.

2 KOMMENTARE

  1. Diesen bericht möchte ich gern unterschreiben. mußte ich doch bei meinem ersten Besuch im Juni 2015 mit einer, nach eigenen Aussagen, gebürtigen Ukrainerin, schlechte Erfahrungen machen. Sie ist seit einigen Jahren in Deutschland verheiratet und hat nach eigenen Aussagen zuvor auch außerhalb der Ukraine gelebt.

    Bei meinem ersten Besuch in Saporischschja hat sie mich begleitet. Leider wußte ich zu dieser Zeit fast nichts von ihr. Es stellte sich heraus, dass sie selbst in ihrer Heimatstadt Saporischschja sich nicht zurecht fand, obwohl sie angeblich dort zur Schule gegangen ist und dort oft zu Besuch war. Ihr Sohn lebt in Kiew. Von ihm kannte sie nur die Adresse. Ein Taxi führte uns endlich zu seinem Wohnhaus.

    So wie eben beschrieben, kannte sie sich auch in wirtschaflichen und politischen Verhältnissen aus, nämlich gar nicht nur mit dem Mund voraus. Ständig verkündete sie aber lautstark, sie sei Patriotin u. ä. …

    Als Deutscher, nur ein bis zwei mal jährlich als Gast mit Hilfslieferungen für Flüchtlinge in der Ukraine, habe ich die Gastfreundschaft der ukrainischen Bürgen sehr wohltuend empfunden, obwohl die wirschaftlichen Verhältnisse der meisten Familien nach meiner Erkenntnis recht bescheiden sind.

    Für mich als Ausländer ist es sehr schwer, verläßliche Informationen zu erhalten. Mein besonderes Interesse gilt dem Kriegsgeschehen in der Ostukraine und den Lebensumständen der im Kriegsgebiet verbliebenen Bevölkerung, sowie die Frage, wie können wir diesen Leuten helfen.

    Wir sind nur eine sehr kleine Hilfsorganisation. Unsere Möglichkeiten sind sehr begrenzt. Besonderen Wert legen wir darauf, dass unsere Hilfslieferungen auch die richtigen Leute, insbesondere die Kinder, erreichen.

    Ihre Invormationen helfen uns, unsere Unwissenheit etwas zu bekämpfen. Vielen Dank dafür und weiter so im Sinne einer objektiven Berichterstattung, auch wenn es nicht immer leicht ist.

    J.Noßmann

    • Vielen Dank, Herr Noßmann, für Ihr freundliches Statement.

      Die Schilderung Ihrer in der Ukraine gemachten Erfahrungen sind hochspannend. Diejenigen, die das ukrainische Land und Leute besser kennen, werden Ihnen zweifellos zustimmen, was die Gastfreundschaft vieler Ukrainer betrifft. Solche Kommentare sind sehr nützlich, die Ukraine auch Außenstehenden näher zu bringen.

      Einen gewissen Grad des Patriotismus einiger ukrainischer Bürger ist sehr verständlich, angesichts des in der Ostukraine aufgezwungenen Krieges durch Russland. Der/die eine oder andere schießt etwas übers Ziel hinaus, ist aber sicher teilweise auch eine natürliche Reaktion, eine psychologisch bedingte Schutzfunktion, auf die Geschehnisse im Lande.

      Bei einigen nicht-ukrainischen Patrioten, von denen der eine oder andere ebenfalls virtuell mal über die Stränge schlägt, dürfte ein Erklärungsversuch anders ausfallen.

      Aber allen gemein ist, dass sie im Grunde nur das Beste für dieses Land wünschen … auch wenn einige patriotische Äußerungen eher kontraproduktiv sind.

      Ihnen und Ihrer Hilfsorganisation viel „Erfolg“ und ein glückliches Händchen bei der Suche und Auswahl Ihrer Hilfeempfänger.

      Viele Grüße aus Kiew

      Daniel M. Porcedda

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