Turkish Stream als Waffe gegen Kiew

Turkish Stream als Waffe gegen Kiew

„Entweder wir frieren, oder die EU“ - ein Kommentar von Herausgeber Boris Raczynski.

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Südliche Pipeline als Waffe gegen Kiew

Ukrainische Medien bringen es auf den Punkt: „Entweder wir frieren, oder die EU.“ Das ist wenig erfreulich, findet Herausgeber Boris Raczynski. Die Türkei und Russland verstärken ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Das erste türkische Kernkraftwerk soll mit russischer Hilfe im Jahr 2013 ans Netz gehen und die Turkish Stream Pipeline in drei Jahren nicht nur die Liefermenge in die Türkei vervielfachen – auch viele Staaten Südeuropas sollen künftig durch die neue Verbindung versorgt werden.

Ein Pakt, der zwei Gewinner und einen Verlierer kennt: die Ukraine. Das Land fungiert seit Jahrzehnten als Transitland, leitet russisches Gas an Westeuropa weiter und verdient damit ziemlich viel Geld. 2019 soll damit nach dem Willen Russlands Schluss sein.

„Entweder wir frieren, oder die EU“

Gut für die Türkei, die nach Deutschland der größte Abnehmer von Gas aus Russland ist. Dem Kreml spielt die Ratifizierung der südlichen Gastrasse ebenfalls in die Hände.

Nachdem die South Stream aufgrund mangelhafter Unterstützung seitens der EU – als Folge der Annektierung der Halbinsel Krim – auf Wunsch Moskaus eingestellt wurde, kann die Turkish Stream künftig als als politisches Mittel gegen die Regierung in Kiew eingesetzt werden.

Zudem wird Russland damit die alljährlichen Streitereien um Preise und Liefermengen los. Vor zwei Tagen musste Kiew eingestehen, nicht genug Gas in den Lagerstätten zu haben, um den Winter zu überstehen.

Turkish Stream als politische Waffe

Die EU-Kommission lud nach Brüssel ein, um den sich anbahnenden Gasstreit zu schlichten. Ukrainische Medien titeln heute sinngemäß: „Entweder wir werden frieren, oder die EU“. Das lässt tief blicken, leider. Bereits im Jahr 2009 hatte die Ukraine Gas für den Eigenbedarf abgezweigt, was zu tiefgreifenden politischen Differenzen mit Russland und der EU führte.

Kein Wunder also, dass Europa unlängst einer deutlichen Steigerung der russischen Gaslieferungen durch die Nord Stream Route zugestimmt hat. Auch arbeitet der russische Energiekonzern Gazprom bereits an einer Verdopplung der Leitungskapazitäten der nördlichen Route.

Ukraine künftig wohl kein Transitland

Fassen wir zusammen: Verdopplung im Norden, neue Route im Süden. Die Mitte, die Ukraine, wird ab 2019 leer ausgehen. Es mag nun sein, dass der Bau der South Stream etwas mehr Zeit als ursprünglich geplant in Anspruch nehmen wird, am Ergebnis wird sich vermutlich nichts ändern: Die Ukraine wird als Transitland bedeutungslos werden.

Schlecht für ein Land, das laut The World Factbook weltweit als viertgrößter Gasimporteur und sechsgrößter Gasverbraucher gilt. Im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt weist die Ukraine laut Wikipedia den höchsten Gasverbrauch weltweit auf.

Defizit von 25 Milliarden Kubikmetern

Die ehemalige Sowjetrepublik verbraucht rund 80 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich. Davon stammen 20 Milliarden aus eigener Produktion, weitere 36 Milliarden werden in Turkmenistan gekauft.

17 Milliarden Kubikmeter Erdgas erhält die Ukraine als Gegenleistung für den Transport russischen Erdgases nach Europa. Den Rest kauft das Land aus Rücklieferungen aus der Slowakei, oder, wie sich die letzten Tage abzeichnet, wieder aus Russland.

Sollten nun in rund drei Jahren die Gegenleistungen für den Transit aufgrund der Turkish Stream ausfallen, müsste die Regierung in Kiew nicht 8 Milliarden Kubikmeter Erdgas, sondern 25 Milliarden kaufen – vermutlich größtenteils von Russland. Politisch und finanziell eine Herausforderung sondergleichen.

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